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Grubenunglück in der Türkei : Erdogan: So etwas passiert „überall auf der Welt“

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Sieht das Grubenunglück als alltägliches Unglück: der türkische Ministerpräsident Erdogan in Soma Bild: dpa

Nach dem Grubenunglück in der Türkei sind in Istanbul und Ankara Tausende auf die Straßen gegangen. Sie machen die Regierung Erdogan mitverantwortlich für das Unglück. Doch der weist alle Schuld von sich. Und die Polizei geht mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Demonstranten vor.

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          Nach dem verheerenden Grubenunglück in der Türkei richten sich Trauer und Wut zunehmend gegen die Regierung. In Ankara und Istanbul demonstrierten am Mittwochabend mehrere tausend Menschen gegen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, die Polizei ging mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Menge vor. Bei dem Grubenunglück im westlichen Soma starben mindestens 274 Menschen, dutzende Kumpel wurden am Mittwochabend noch vermisst.

          „Die Zeit arbeitet gegen uns“, sagte Energieminister Taner Yildiz. Seinen Angaben zufolge wurden bis zum späten Abend 274 Todesopfer geborgen. Damit ist das Grubenunglück in Soma das schlimmste in der Geschichte der Türkei. Erdogan hatte am Nachmittag zudem von rund 120 vermissten Bergleuten berichtet. Im Gegenzug konnten fast 450 Kumpel nach Angaben des Minenbetreibers gerettet werden. Rund 80 von ihnen wurden verletzt.

          Tödliches Kohlenmonoxid

          In dem Kohlebergwerk war nach der Explosion eines Transformators am Dienstag ein Feuer ausgebrochen, das am Mittwoch weiter wütete. Tödliches Kohlenmonoxid behinderte die Rettungsarbeiten. Den Sicherheitskräften zufolge bildeten sich nach der Explosion in dem Bergwerk zwei Lufttaschen, von denen eine für die Rettungskräfte zugänglich, die zweite jedoch versperrt war.

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          Die meisten der Todesopfer starben an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Hunderte verzweifelte Angehörige und Kollegen warteten den ganzen Mittwoch vor dem Grubeneingang auf Neuigkeiten. Nur vereinzelt wurden Überlebende ans Tageslicht gebracht, sie husteten und rangen nach Luft. Die Feuerwehr versuchte, Frischluft in den Schacht zu leiten, um die in zwei Kilometern Tiefe festsitzenden Arbeiter zu versorgen.

          Auch Erdogan reiste nach Soma. Er kündigte umfassende Ermittlungen an und versprach, „keine Nachlässigkeit“ zu dulden. Dutzende aufgebrachte Einwohner von Soma demonstrierten nahe dem Gebäude, in dem der Regierungschef seine Pressekonferenz hielt. Sie versetzten seinem Auto Fußtritte und forderten den Rücktritt der Regierung, wie die private Nachrichtenagentur Dogan berichtete.

          Ankara : Heftige Proteste nach Grubenunglück

          Erdogan wies jedoch jede Verantwortung der Regierung zurück: Derlei Arbeitsunfälle passierten „überall auf der Welt“, sagte er. Das türkische Arbeitsministerium erklärte, die Grube sei zuletzt am 17. März auf Sicherheitsmängel untersucht worden und es habe keine Beanstandungen gegeben. Kritiker werfen der Regierung vor, bei der Privatisierung vieler ehemals staatlicher Bergbaufirmen in den vergangenen Jahren die Einhaltung der Sicherheitsvorkehrungen ignoriert zu haben.

          Die Staatsanwaltschaft nahm am Mittwoch Ermittlungen auf, der linke Gewerkschaftsbund DISK sprach von einem „Massaker“. Erst vor wenigen Wochen war die Oppositionspartei CHP im Parlament mit dem Versuch gescheitert, Zwischenfälle in der Grube von Soma untersuchen zu lassen.

          In Ankara versammelten sich nach Angaben eines AFP-Fotografen am Abend zwischen 3000 und 4000 Menschen zu einer Demonstration. Als aus der Menge Feuerwerkskörper auf Polizisten geschossen wurden, schritten diese ein. Die Sicherheitskräfte gingen mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Menge vor. In Istanbul beteiligten sich mehrere tausend Menschen an einer Kundgebung und riefen Parolen gegen die Regierung.

          Die Polizei setzte nach Angaben eines AFP-Fotografen Tränengas, Wasserwerfer und Gummigeschosse gegen die Demonstranten ein, unter denen zahlreiche Anhänger linksgerichteter Gewerkschaften waren. Mehrere Menschen wurden verletzt, Berichten zufolge gab es auch Festnahmen. Spontane Kundgebungen gab es auch in anderen Orten der Türkei.

          Größte Gewerkschaft ruft zum Streik auf

          Aus Protest gegen die Privatisierungspolitik der Regierung kündigte die größte Gewerkschaft der Türkei einen Streik an. Für Donnerstag wurden alle 240.000 Mitglieder der Gewerkschaft KESK für die Arbeiter und Angestellten im Öffentlichen Dienst aufgerufen, ihre Arbeit niederzulegen, wie die Gewerkschaft auf ihrer Homepage mitteilte. „Diejenigen, die Privatisierungen vorantreiben und zur Kostenreduzierung die Leben von Arbeitern aufs Spiel setzen, sind die Schuldigen des Massakers von Soma und müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, erklärte die KESK.

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