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Großversuch in Brasilien : Eine Stadt wird durchgeimpft

Luftpost: Impfstoff für Brasilien Bild: Reuters

Brasilien macht eine Kleinstadt zum Versuchslabor. Etwa 30.000 Einwohner sollen gegen das Coronavirus geimpft werden. Forscher untersuchen die Auswirkungen. Es ist weltweit die erste Studie dieser Art.

          2 Min.

          Die brasilianische Kleinstadt Serrana im Landesinneren des Bundesstaates São Paulo wird im Rahmen einer Studie zum „Labor“ der weltweit ersten Massenimpfung. Dies teilten die Behörden des Bundesstaates am Montag mit. Die Studie sieht vor, einen möglichst großen Teil der erwachsenen Bevölkerung der Kleinstadt mit rund 45.000 Einwohnern in kurzer Zeit zu impfen.

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Forscher gehen davon aus, 30.000 Bürger zu impfen, wobei keiner der Einwohner verpflichtet ist, an der Massenimpfung teilzunehmen. Ausgeschlossen sind zudem Schwangere und stillende Mütter sowie Personen, die kurz vor der Impfung über Fieber klagten. Alle Teilnehmer erhalten in den nächsten Wochen die erste von zwei Impfungen, vier Wochen später die zweite. In Serrana wurden bisher etwas mehr als 1600 Corona-Infektionen gezählt, 52 mit Todesfolge. In den vergangenen Wochen hat sich das Virus in der Kleinstadt rascher verbreitet. Diese Tatsache sowie die Größe der Gemeinde waren zwei zentrale Kriterien für die Auswahl.

          Wie ist die Wirksamkeit „im Feld“?

          Die Studie wird vom öffentlichen Institut Butantan in São Paulo geleitet, das eine Kooperation mit dem chinesischen Unternehmen Sinovac eingegangen ist und den in China entwickelten Impfstoff Coronavac gegenwärtig auch in ihren Produktionseinrichtungen herstellt. Das Institut Butantan war bereits an den klinischen Tests des Impfstoffes maßgeblich beteiligt. Ein großer Teil der bisher geimpften Brasilianer hat diesen Impfstoff erhalten. Ziel der Studie ist es, die Wirksamkeit der Impfung in ihrer großflächigen Anwendung zu überprüfen. Die Studie beginnt an diesem Mittwoch. Mit ersten soliden Resultaten wird in drei Monaten gerechnet. Dimas Covas, der Direktor des Instituts Butantan, bezeichnete die Studie als einen „weiteren wichtigen Schritt“, der weitere Antworten über die Impfung liefern werde. Es ist weltweit die erste Studie dieser Art.

          In den klinischen Tests wurde in Brasilien für Coronavac eine Wirksamkeit des Impfstoffs von etwas mehr als 50 Prozent ermittelt, was im Vergleich zu anderen Impfstoffen eher gering ist. Zudem verhindert die Impfung einen schweren Krankheitsverlauf in den meisten Fällen. Die Wirksamkeit „im Feld“ und bei einer großflächigen Anwendung der Impfung dürfte jedoch von diesem Wert abweichen, vermuten die Forscher, da sich das Profil und Verhalten der Geimpften im Vergleich zu klinischen Tests unterscheidet. Gleichzeitig soll die Studie Informationen über die Auswirkung von Massenimpfungen auf die Verbreitung des Virus liefern.

          Gerade für Brasilien ist die Studie von großer Bedeutung, da es sich bei Coronavac derzeit um den einzigen Impfstoff handelt, der in großen Mengen verfügbar ist und im Land produziert wird. Vor einigen Tagen hat Brasilien zudem die Grundstoffe für die Produktion des Impfstoffs von Astra-Zeneca erhalten. In Brasilien wurden bisher knapp vier Millionen Personen gegen das Coronavirus geimpft.

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