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„Große Versammlung“ in Kabul : Dschirga in Kabul erklärt Taliban-Regierung für legitim

Die „Große Versammlung“ Ende Juni in Kabul Bild: EPA

Die „Große Versammlung“ in Kabul erklärt die Taliban-Regierung für legitim – und verlangt deren internationale Anerkennung. Zur Mädchenbildung gibt es nur Andeutungen.

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          Elf Punkte umfasst die Resolution, die die „Große Versammlung“ am Wochenende in Kabul verabschiedet hat. Die mehr als 3000 Teilnehmer der Zusammenkunft, größtenteils islamische Gelehrte, aber auch einige – männliche – Würdenträger und Repräsentanten von Gesellschaft und Wirtschaft, erklären darin die „Übergangsregierung“ der Islamischen Emirats der Taliban in Afghanistan für legitim und fordern deren Anerkennung durch die internationale Gemeinschaft sowie die Freigabe von eingefrorenen Auslandsguthaben der afghanischen Zentralbank.

          Alexander Haneke
          Redakteur in der Politik.

          Vage bleibt die Resolution jedoch in genau den Punkten, welche die internationale Gemeinschaft zur Voraussetzung für eine Anerkennung machte: die Garantie grundsätzlicher Rechte auch für Frauen, die Öffnung der Schulen für Mädchen auch oberhalb der sechsten Jahrgangsstufe und die Forderung nach einer „inklusiven“ Regierung – einem Kabinett also, das auch andere Gruppen jenseits der Taliban miteinbezieht.

          Regierung von Paschtunen dominiert

          Wer will, könnte aus der Bitte an das Emirat, Anreize für die nationale Einheit zu setzen, die Forderung nach einer inklusiven Regierung herauslesen. Die meisten Mitglieder der Taliban sind Paschtunen, auch im Kabinett des Emirats besetzen sie den größten Teil der Ressorts. Doch in der Realität Afghanistans machen Paschtunen Schätzungen zufolge nur knapp 40 Prozent der Bevölkerung aus. Dass die anderen Volksgruppen kaum vertreten sind, wird seit der Vorstellung des Kabinetts im In- und Ausland heftig kritisiert.

          Noch intensiver aber wird in Afghanistan die Zukunft der Mädchenbildung beobachtet. Seit der Machtübernahme der Islamisten im August vergangenen Jahres sind die Schulen oberhalb der sechsten Klasse grundsätzlich nur noch für Jungen geöffnet, auch wenn es in einzelnen Provinzen Ausnahmen gibt. Im März hatte die Regierung zwar angekündigt, Mädchen wieder zu allen Jahrgangsstufen zuzulassen, dann aber – offenbar nach einer Intervention der Hardliner im Kabinett – die Öffnung kurzfristig bis auf weiteres wieder ausgesetzt.

          Mehrere Religionsgelehrte hatten sich auf der Versammlung dafür eingesetzt, dieses Verbot endlich aufzuheben. Die verabschiedete Resolution ist nicht so explizit, doch findet sich die Forderung nach einem „modernen Bildungssystem im Lichte der Scharia“ unter den Punkten. Schon der Begriff „modern“ kann für eine Versammlung, deren Mitglieder größtenteils aus den Reihen der Taliban stammen oder ihnen nahe stehen, schon als großer Schritt gewertet werden. Der Bezug auf die Scharia schließt für die ganz überwiegende Mehrheit der Religionsgelehrten nicht aus, dass auch Mädchen die Schule besuchen dürfen. Im gleichen Abschnitt findet sich auch der Aufruf, die Rechte von ethnischen Minderheiten und Frauen zu achten, auch wenn sich hier ebenfalls die Einschränkung der Konformität mit islamischen Recht findet.

          Konfrontation wird vermieden

          Eine ganz andere Frage wird sein, was die Regierung der Taliban aus dem Katalog macht. Deren Sprecher hatten immer wieder betont, dass man vor der Versammlung großen Respekt habe und ihre Ratschläge achten werde. Doch sind die Formulierungen so weich gehalten, dass sie die Führung unter keinen allzu großen Zugzwang setzen. Doch gibt es jenen Kräften Rückenwind, die für eine - für Taliban-Verhältnisse - progressive Politik eintreten.

          Folgenreicher könnte ohnehin sein, wie die oberen Taliban-Ränge die Stimmungslage innerhalb der Versammlung wahrgenommen haben und was hinter den Kulissen besprochen wurde. Denn offener Streit und Konfrontation waren der Bewegung schon immer fremd; Konflikte wurden stets nur im Hinterzimmer ausgetragen. Dieser Geist durchweht auch die Resolution, die in ihrem elften Punkt fordert, „Provokationen“ durch islamische Kleriker über die Medien müssten aufhören.

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