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Dritter Lockdown : Großbritanniens Suche nach dem Ausweg

Die Tower Bridge an der Themse; London sehnt sich nach einem Ende der Pandemie. Bild: Reuters

Bis zu 80.000 Neuinfektionen an einem Tag und die Sorgen wegen des mutierten Virus – Großbritannien fährt das öffentliche Leben weiter runter. Premierminister Boris Johnson vollzieht damit abermals eine Kehrtwende. Zu spät?

          3 Min.

          Als Boris Johnson am Montagabend in einer Fernsehansprache den dritten landesweiten Lockdown verkündete, balancierte er zwischen Licht und Dunkel. Einerseits stimmte er die Briten auf eine schwere Zeit ein, „die härteste bisher“, andererseits hob er einen „riesigen Unterschied“ zum ersten Lockdown hervor: „Wir organisieren gerade das größte Impfprogramm in unserer Geschichte“, sagte der Premierminister und wies darauf hin, dass „wir bis jetzt im Königreich schon mehr Menschen geimpft haben als der Rest Europas zusammen.“ Er fuhr fort: „Dank der Wunder der Wissenschaft ist nicht nur ein Ende in Sicht, wir wissen auch genau, wie wir dorthin kommen.“

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Michael Gove, der im Kabinett so etwas wie die Rolle des Ersten Ministers spielt, präzisierte am Dienstag, wie sich die Regierung die Ausfahrt aus dem nun noch einmal verengten Tunnel vorstellt. Danach würden die neuen Auflagen wohl erst im März wieder gelockert werden. Bis Mitte Februar hofft die Regierung, die wichtigsten Risikogruppen geimpft zu haben. Das sind mehr als 13 Millionen Briten, darunter alle, die älter als 70 Jahre sind, außerdem jüngere Personen, die aufgrund bestimmter Vorerkrankungen „extrem“ gefährdet sind, sowie Ärzte und Pfleger.

          Die zuletzt Geimpften benötigten zwei bis drei weitere Wochen, bis sie immun seien, so dass vermutlich erst in der ersten Märzhälfte „einige der Auflagen, nicht unbedingt alle“ gelockert werden könnten, sagte Gove. Labour-Chef Keir Starmer forderte die Regierung am Dienstag auf, das Impfprogramm zu beschleunigen.

          Starmer gehört zu denen, die schon Tage vorher einen nationalen Lockdown gefordert hatten. Aber noch am Sonntag verteidigte Johnson das bisherige „Stufensystem“ und forderte die Eltern auf, ihre Kinder am nächsten Tag zur Schule zu schicken. Die Kehrtwende, die er dann am Montag vollzog, fügt sich für viele Kritiker in ein Muster ein. Johnson handle immer zu spät, hieß es am Dienstag in mehreren Zeitungskommentaren und bei Oppositionspolitikern. Laut Gove waren es die frischen Zahlen vom Montag, die zum raschen Umsteuern gezwungen hätten.

          Reichen die Maßnahmen diesmal?

          Einige davon referierte Johnson selbst. So seien an einem einzigen Tag – dem 29. Dezember – mehr als 80.000 Neuinfektionen registriert worden; am Montag lag die Zahl bei fast 60.000. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen stieg in der vergangenen Woche um dreißig Prozent; zur Zeit werden etwa 27.000 Patienten stationär behandelt.

          Damit wiederum seien die Krankenhäuser um vierzig Prozent mehr belastet als auf dem Höhepunkt der ersten Welle im April, sagte Johnson. Auch die Zahl der Toten stieg in der Woche vor dem Lockdown um zwanzig Prozent, sie liegt allerdings nur wenig über 400 am Tag und damit deutlich unter der Zahl in Deutschland.

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          Zur Hauptursache des Infektionsanstiegs erklärte der Premierminister abermals die neue Virus-Variante, die sich um 50 bis 70 Prozent schneller übertrage als das Ur-Virus. Um diese unter Kontrolle zu bringen, müsse die Regierung alle Bürger aufrufen, zuhause zu bleiben.

          „Sie dürfen Ihr Haus nur aus begrenzten, gesetzlich festgeschriebenen Gründen verlassen, etwa um das Notwendigste einzukaufen, um zur Arbeit zu gehen, wenn Sie auf keinen Fall von zuhause aus arbeiten können, um sich körperlich zu betätigen, um zum Arzt zu gehen oder um sich einer gewaltvollen Situation zuhause zu entziehen.“ Die Maßnahmen sollen überwacht und Verletzungen mit Bußgeldern geahndet werden.

          Auf der Webseite der Regierung ist detailliert festgehalten, was erlaubt ist und was nicht. Anders als auf „Stufe Vier“, auf der sich bislang die meisten Gebiete des Landes befunden haben, sind nun auch die Schulen geschlossen; nur Kindergärten stehen noch offen. Restaurants dürfen nur noch Essen und Softdrinks ausliefern. Tennis- und Golfplätze werden verriegelt. Ein Mitglied eines anderen Haushalts darf nur noch zu einem Lauf oder Spaziergang getroffen werden; selbst Ruhepausen auf einer Bank sollen vermieden werden.

          Im Gegensatz zum ersten Frühjahrslockdown ist diesmal der Haushaltsbegriff erweitert; so werden etwa Nannys zur „Childcare Bubble“ gezählt oder Pfleger zur „Support Bubble“. Ein weiterer Unterschied ist die Öffnung von Spielplätzen. Schärfer als im Frühjahr wird hingegen an der Grenze verfahren. Einreisende müssen nun einen negativen Covid-Test vorweisen, der nicht älter als 72 Stunden ist.

          Am Mittwoch soll das Parlament die seit Montagnacht geltenden Maßnahmen in einer Sondersitzung billigen. Aber schon vor der Debatte empfehlen erste Wissenschaftler weitere Verschärfungen. Der Londoner Epidemiologe Andrew Hayward, der im regierungsberatenden Corona-Gremium sitzt, sagte am Dienstag, dass das Format des jüngsten Lockdowns vermutlich nicht ausreichen werde, um die neue Virus-Variante unter Kontrolle zu bekommen. „Man muss mehr tun als zuhause sitzen und auf den Impfstoff warten“, sagte er in der BBC.

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