https://www.faz.net/-gpf-7wjdp

Britische Nachwahl : Das Mysterium von Rochester

In Scharen strömen freiwillige Helfer in die Wahlkampfzentrale, um die letzten Ukip-Briefe in Empfang zu nehmen, die es einzuwerfen gilt. An den Wänden hängen Landkarten des Wahlkreises, auf denen die abgearbeiteten Viertel mit rotem Filzstift gekennzeichnet sind. Zwölf Prozentpunkte, hieß es in der letzten Umfrage, liegt Ukip-Kandidat Reckless vor seiner früheren Parteifreundin Kelly Tolhurst, die die Konservativen nach einer Bürgerabstimmung ins Rennen geschickt haben; die Labour Party, die Rochester noch vor 2010 im Unterhaus vertreten hat, ist abgeschlagen.

Ein Blick in den Ukip-Laden zeigt, dass Camerons berühmt gewordenes Verdikt nicht mehr zutrifft. Als „Verrückte, Deppen und heimliche Rassisten“ lassen sich die Helfer in Rochester kaum beschreiben. Eher kommen sie, wie es in England gern heißt, „from all walks of life“: junge Selbständige in Nadelstreifen, tätowierte Arbeiter, bürgerlich gekleidete Frauen im mittleren Alter. Tim Rolt ist IT-Fachmann aus Hampshire und hat einen freien Tag genutzt, um in Rochester mit anzupacken. Als eingebürgerter Brite lässt sich der gebürtige Litauer ungern nachsagen, er sei ausländerfeindlich. Sieben europäische Sprachen beherrsche er, sagt er in fließendem Deutsch, und gerade weil er die Vielfalt Europas so liebe, sehe er die EU so kritisch: „Die macht aus allem eine graue Soße.“

EU und Einwanderung, das sind die beiden Reizthemen, die der Ukip ihren Zulauf bescheren - umso mehr, seit Nigel Farage einen Zusammenhang zwischen ihnen herstellt: Großbritannien werde „überfordert“, weil es die Zuwanderung aus Europa nicht steuern könne. So sehr verfing die These, dass Premierminister Cameron sie wider besseres Wissen übernahm. Seit Wochen mäkelt er öffentlich am Freizügigkeitsprinzip der Europäischen Union herum und fordert Änderungen oder britische Sonderregelungen. Dass das Problem eher in London als in Brüssel liegt - daran wird er nur noch von Ausländern erinnert. Während Deutschland einfach vom Recht auf Übergangsregelungen Gebrauch gemacht habe, habe das Königreich die Grenzen geöffnet und freiwillig eine Million Osteuropäer ins Land gelassen, erinnerte der Vorsitzende des Europa-Ausschusses im Bundestag, Gunther Krichbaum, Anfang der Woche in London.

Unter den britischen Konservativen wächst die Verzweiflung, was gegen die populistischen Parvenüs auszurichten ist. Die Tories hätten nun alles versucht, analysierte die „Financial Times“ in dieser Woche: „Verachtung, autoritäre Gleichgültigkeit und, seit einigen Jahren, Schmeichelei durch Imitation“. Langsam sei es Zeit, einzusehen, dass die Reaktionen der etablierten Parteien keinen Einfluss auf das Phänomen Ukip hätten. Ratlos befand der Kolumnist Janan Ganesh: „Ukips Erfolg ist eine mysteriöse Sache.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Intensivpflegerinnen versorgen auf der Intensivstation am Klinikum Braunschweig einen an Covid-19 erkrankten Patienten.

Corona in Deutschland : 29.500 Neuinfektionen, Inzidenz bleibt gleich

Das Robert-Koch-Institut registriert etwa gleich viele neue Fälle wie vor einer Woche, in der aktuellen Zahl könnten jedoch Nachmeldungen aus NRW enthalten sein. 259 neue Todesfälle wurden verzeichnet. Die Sieben-Tage-Inzidenz bleibt gleich.
Der Schriftsteller Philip Roth 2010 in New York

Wettstreit der Biographen : Die Gegenleben des Philip Roth

Er wünschte sich eine Biographie, die nicht nur seine Sexualität beschreibt. Drei Jahre nach Philip Roths Tod sind zwei erschienen. Erfüllen sie den Wunsch?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.