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Johnson und Rutte zu Corona : Das Ende der alternativen Krisenbewältigung

  • -Aktualisiert am

Späte Einsicht: Premierminister Boris Johnson. Bild: dpa

Großbritannien und die Niederlande setzten in der Corona-Krise auf eine Art „kontrollierte Verbreitung“ des Virus und pragmatische Maßnahmen. Damit ist Schluss. Eine Chronologie der Einsicht.

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          Als Boris Johnson am Mittwoch zum vorerst letzten Mal die „Fragen an den Premierminister“ beantwortete, hörten ihm nur noch ein paar Dutzend Abgeordnete zu, und die achteten darauf, dass sie zwei Meter voneinander entfernt saßen. Als am Tag darauf auch noch Königin Elisabeth II. bekanntgab, dass sie die Geschäfte ruhenlassen und sich für die nächsten Wochen auf Schloss Windsor zurückziehen werde, war spätestens klar, dass es mit der Normalität auch im politischen Bereich ein Ende hat. Der britische Sonderweg zur Bekämpfung des Coronavirus, der in Wahrheit nur ein Schleichpfad war, gehört der Vergangenheit an.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Wochenlang hatte das Königreich einen nicht völlig anderen, aber doch behutsameren Ansatz verfolgt. Ähnlich wie die Niederlande, mit denen es schon zu gemeinsamen EU-Zeiten die größten Übereinstimmungen gab, bemühte sich Großbritannien um vermeintlichen Pragmatismus. Anders als der brasilianische Präsident Bolsonaro oder anfangs Trump sprach Johnson nie von „Hysterie“, aber radikale Einschränkungen des öffentlichen Lebens wurden von ihm und seinen beiden medizinischen Chefberatern als unverhältnismäßig, wenn nicht kontraproduktiv bezeichnet.

          Die britische Regierung drehte erst spät bei

          Auf Großveranstaltungen, hieß es lange Zeit, würden die Infektionen nicht sprießen; das Virus verbreite sich eher „am kleinen Ort“, dort, wo Familien und Freunde zusammensäßen. Erst als Veranstalter wie die Premier League eigenmächtig Entscheidungen trafen, drehte auch die Regierung bei. Sie verbot zwar keine Massenzusammenkünfte, rief aber die Bürger auf, sich davon fernzuhalten, und stellte auch kein öffentliches Personal mehr zur Unterstützung ab.

          Das Muster wiederholte sich bei den Schulschließungen. Diese seien nicht notwendig, hieß es bis Mittwoch. Dann trat Johnson, wie mittlerweile jeden Nachmittag, in der Downing Street vor die Presse und teilte mit, dass nun auch im Königreich die Schulen bis auf weiteres geschlossen würden. Kindergärten und privaten Bildungseinrichtungen empfahl er, dem Beispiel zu folgen. Von Montag an wird es nur noch einen Notbetrieb geben, den die Kinder von Ärzten, Krankenschwestern, Polizisten und anderen als relevant eingestuften Berufsgruppen in Anspruch nehmen dürfen. Noch bei der Erläuterung der Maßnahme merkte man dem Wissenschaftlichen Chefberater der Regierung, Patrick Vallance, seine Skepsis an. Er sei noch immer der Auffassung, dass die Schulen „sichere Umgebungen“ seien, aber die dynamischen Infektions- und Sterberaten machten nun weitere Maßnahmen nötig.

          Wollte Johnson einfach Zeit gewinnen?

          Es wurde viel darüber spekuliert, warum die Regierung Johnson so zögerlich zu Werke gegangen war. Die Briten sind sehr sensibel in Gesundheitsfragen und an Verbote wie Einschränkungen gewöhnt. Eine Erklärung könnte der beklagenswerte Zustand des Nationalen Gesundheitsdienstes (NHS) sein. Die medizinische Forschung hat internationales Spitzenniveau, aber der staatliche NHS hat im Verhältnis zur Einwohnerzahl weniger Intensivbetten, weniger Ärzte und weniger Schutzausrüstung als die meisten Gesundheitssysteme in Europa. Wollte Johnson womöglich einfach nur Zeit gewinnen, um die Engpässe zu erweitern?

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