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Großbritannien : Theresa May rechnet mit Johnson ab

Späte Rache: Theresa May (oben) erhebt schwere Vorwürfe gegen ihren Nachfolger, Premierminister Boris Johnson Bild: dpa

Er war maßgeblich an ihrem Sturz beteiligt und wurde dann selbst Premierminister. Nun erhebt Theresa May in einem Zeitungsartikel schwere Vorwürfe gegen ihren Nachfolger.

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          Die frühere britische Premierministerin Theresa May hat ihren Nachfolger Boris Johnson in einem Gastbeitrag in der „Daily Mail“ scharf angegriffen. Dieser, klagte sie am Mittwoch, werde nicht den „Werten“ gerecht, für die Großbritannien stehe. Mit der im November angekündigten Kürzung der Entwicklungshilfe habe Johnson die „moralische Führungsrolle“ aufgegeben, die das Land in der Welt innehatte.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Auch seine in den Post-Brexit-Verhandlungen erhobene Drohung, internationales Vertragsrecht zu brechen, habe „unsere Glaubwürdigkeit in den Augen der Welt nicht erhöht“, schrieb sie. Es ist der bisher schärfste Angriff auf ihren Vorgänger, und viele wundert der Zeitpunkt, aber auch der Rahmen. May bezieht ihre Kritik auf Vorgänge, die Wochen zurückliegen. Eigentlich hatte sie die Zeitung eingeladen, über die Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten Joe Biden zu schreiben.

          Johnson hatte Mays Kabinett als Außenminister im Sommer 2018 verlassen und war danach maßgeblich an ihrem Sturz beteiligt. Seither setzt sich May in immer kürzeren Abständen als Kritikerin ihres Nachfolgers in Szene. Mit ihrem Unbehagen an Johnsons Drohungen während der Verhandlungen mit der Europäischen Union befand sie sich in guter Gesellschaft. Alle ehemaligen Premierminister des Königreichs hatten im vergangenen Herbst vor einem Ansehensverlust Großbritanniens gewarnt.

          Aber May mischt sich auch zunehmend in die Tagespolitik ein, nicht nur bei den Haushaltsplänen für die Entwicklungshilfe. Mal schießt sie dabei von links und mal von rechts. So äußerte sie sich „enttäuscht“ über Johnsons Brexit-Deal und sagte, der von ihr ausgehandelte sei „besser“ gewesen. Etwa zur selben Zeit machte sie sich zur Fürsprecherin der Lockdown-Gegner im Parlament. Als May unlängst im Unterhaus das Wort ergriff, verließ Johnson ostentativ den Saal.

          Zu einer verbalen Reaktion lässt sich der Premierminister nicht herab. Dafür wird in seinem Umfeld das Bild einer gescheiterten und deprimierten Frau gezeichnet. Angeblich hatte May erwartet, dass ihr Johnson die Leitung des Weltklimagipfels im November übertragen würde. Aber der Premierminister hatte stattdessen Mays Vorgänger David Cameron gefragt, und als der abwinkte, den Job an Wirtschaftsminister Alok Sharma vergeben. „The Independent“ bescheinigte May am Mittwoch eine „Fehlwahrnehmung“ der eigenen Person und rückte sie in eine Reihe mit anderen Premierministern, die nach dem Ende ihrer Amtszeit „ihre Unentbehrlichkeit überschätzt“ hätten. Tony Blair glaubte ein Anrecht auf die Rolle des EU-Ratspräsidenten zu haben, und vor ihm war schon Edward Heath überzeugt gewesen, von dessen Nachfolgerin Margaret Thatcher wenigstens ins Außenministerium berufen werden zu müssen.

          Büro des Premierministers äußert sich nicht direkt

          Bis zu Heath, der anno 1975 von Thatcher vom Parteivorsitz gestürzt wurde, muss man auch zurückgehen, um ein ähnlich vergiftetes Verhältnis zwischen Vorgänger und Nachfolger im Premierministeramt zu finden. John Major entwickelte sich zwar auch zu einem Kritiker seiner Nachfolger, insbesondere Johnsons, aber zunächst hatte er viele Jahre ins Feld ziehen lassen, in denen er sich zurückhielt und die Rolle des Elder Statesman einstudierte. May hingegen hat erst vor eineinhalb Jahren auf den parlamentarischen Hinterbänken Platz genommen.

          In ihrem Artikel zweifelt sie erkennbar an der Fähigkeit ihres Nachfolgers, die Chancen zu ergreifen, die sich aus der Amtsübernahme Bidens ergeben. Schon seit geraumer Zeit glitten die internationalen Beziehungen in einen „Absolutismus“ ab, in dem „starke Männer“ Gefolgschaft einforderten und Kompromisse zu einem Schimpfwort gemacht hätten. Ohne Johnson beim Namen zu nennen fuhr sie fort: „Eine starke Führung erkennt, wenn ein Kompromiss einem größeren Ziel dient.“ Das Premierministerbüro, das von der „Daily Mail“ zu einer Stellungnahme aufgefordert wurde, teilte nur mit, dass der Premierminister mit Biden „Hand in Hand“ arbeiten werde, um die Demokratie zu verteidigen und die gemeinsamen Herausforderungen zu bewältigen. Johnson werde Biden dabei helfen, die internationale Zusammenarbeit zu stärken.

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