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Scotland Yard ermittelt : Kindermord im Beisein „mächtiger Männer“?

Akten vernichtet?

Die Annahme, dass die Täter von staatlichen Institutionen gedeckt wurden und womöglich noch immer geschützt werden, ist nicht abwegig. Im vergangenen Juli musste das Innenministerium eingestehen, dass mehr als hundert Akten, die entsprechende Hinweise enthalten hatten, verschwunden sind – „vermutlich vernichtet, verloren oder unauffindbar”. Vermisst wird unter anderem das Dossier, das der konservative Abgeordnete Geoffrey Dickens in mehrjähriger Kleinarbeit recherchiert und 1983 dem damaligen Innenminister, seinem Parteifreund Leon Brittan, persönlich ausgehändigt hatte. Es enthielt Aussagen von Opfern – und die Namen der Täter.

Dickens hatte erwartet, dass der Übergabe ein „politischer Sturm“ folgen würde. Das berichtete jedenfalls sein Sohn Barry. Aber nichts geschah, weder 1983, noch in den Jahren danach. 1995 starb Geoffrey Dickens. Brittan, der noch lebt, will den Vorgang damals an seine Mitarbeiter weitergereicht haben. Er wird über einen Anwalt vertreten.

Einige Personen, die in Dickens Bericht genannt worden sein sollen, wurden Jahrzehnte später überführt. Zu diesen zählte der liberaldemokratische Abgeordnete Cyril Smith. Im Herbst 2012, zwei Jahre nach seinem Tod, hatte die Staatsanwaltschaft – angestoßen durch ein Enthüllungsbuch des Labour-Abgeordneten Simon Danczuk - Ermittlungen aufgenommen. Man hätte Smith schon nach den ersten Hinweisen vor 40 Jahren anklagen müssen, räumte die Behörde damals ein. Inzwischen sind die Erinnerungsplaketten in Smith´ Wahlkreis abmontiert worden.

Drohungen und mysteriöse Todesfälle

Smith war einer der bekanntesten Politiker der siebziger Jahre; andere Pädophile bewegten sich noch näher am Machtzentrum. Sie alle sollen Ende der siebziger Jahre bis 1982 im „Elm Guest House” verkehrt haben, wo offenbar kleine Jungs aus einem benachbarten Heim missbraucht wurden (und zwei von ihnen verschwunden sind). Erste Untersuchungen, die Anfang der achtziger Jahre stattfanden, endeten nur mit der Festnahme der Betreiberin. Keiner der prominenten Gäste musste damals offenbar ein Verhör über sich ergehen lassen. Die Betreiberin wurde wenig später tot aufgefunden.

Dickens wurde nach eigenen Angaben mit dem Tode bedroht, nachdem er im Unterhaus gefragt hatte, warum der frühere Geheimdienstchef Hayman nicht strafverfolgt werde. Von Drohungen spricht, dreißig Jahre später, auch der Abgeordnete Danzcuk. Ein amtierender Tory-Minister habe ihn „unter Druck” gesetzt, den Namen Brittan nicht fallen zu lassen, als er im Sommer vor einem Parlamentsausschuss aussagte.

Nicht einmal enge Weggefährten Margaret Thatchers wollen ausschließen, dass ein „cover-up” stattgefunden hat. Auf die Frage, ob man es womöglich mit einer staatlichen Vertuschungsaktion zu tun habe, sagte der frühere Minister Norman Tebbit vor einigen Monaten: „Das kann gut sein“ – und erklärte dies mit einer anderen Zeit: „Damals dachten die meisten Leute, dass das Establishment, das System geschützt werden müssen, und dass es, wenn mal ein paar Sachen schieflaufen, wichtiger ist, das System zu schützen als zu tief in die Sachen einzusteigen.”

Bislang wartet die Öffentlichkeit vergeblich auf die öffentliche Untersuchung, die Innenministerin Theresa May versprochen hat. Was bisher bekannt sei, sei nur die „Spitze des Eisbergs“, sagte sie damals. May hat vor allem Mühe, einen Vorsitzenden zu finden. Schon zweimal sah sie sich gezwungen, Kandidaten wieder aus dem Rennen nehmen. Den beiden Nominierten – einer Anwältin und einer Richterin – wurde zu viel Nähe zum Establishment und damit ein  „Interessenkonflikt“ vorgeworfen.

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