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London am Tag danach : „Wir haben keine Angst“

In London suchen Passanten den Weg zurück in den Alltag. Bild: AFP

Auf den Anschlag im Herzen Londons reagiert das zuletzt so gespaltene Land mit seltener Einigkeit. Großbritannien hatte sich auf diesen Tag vorbereitet.

          Das normale Leben sollte weitergehen am Tag nach dem Anschlag, ganz demonstrativ. Die Abgeordneten kamen, wie immer in den Plenarwochen, um halb zehn Uhr morgens zur Arbeit. Und doch war an diesem Donnerstag fast alles anders. Die Debatte im Unterhaus begann mit einer Schweigeminute, danach erteilte der Parlamentspräsident das Wort außerplanmäßig der Premierministerin, die, in einen schwarzen Blazer gekleidet, der Nation versicherte, das man sich nicht einschüchtern lasse und „unsere Werte siegen werden“. Auch jenseits der Palastmauern war der Alltag noch fern. Rund um den Parliament Square standen schwarz uniformierte Polizisten mit Schnellfeuerwaffen, und die gewöhnlich überfüllte Westminster-Brücke, Hauptort des grausigen Geschehens, sah aus wie eine stillgelegte Landebahn mitten über die Themse. Auf dem Dach der Parlaments wehte der Union Jack auf Halbmast im heftigen Wind.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Schon am Tag zuvor waren Bilder entstanden, die sich der Angreifer gewünscht haben muss. „Laufen Sie! Laufen Sie!“, riefen Polizisten den Passanten zu, die sich am Nachmittag in der Nähe des Westminster Palace aufgehalten hatten. Im Unterhaus wurden die Abgeordneten, die sich inmitten einer Abstimmung befanden, angewiesen, in nahegelegenen Räumen Schutz zu suchen. Stundenlang hielt man sie fest, einige von ihnen im neogotischen Hauptgebäude, viele im nüchternen „Portcullis House“, dem Abgeordnetentrakt gleich nebenan. Zum traurigen Symbol des Tages wurde Westminster Abbey, in normalen Zeiten Schauplatz ehrwürdiger und staatstragender Zeremonien. Am Mittwoch bot die Kirche Unterschlupf für eine andere Sorte politischer Flüchtlinge: An die tausend Abgeordnete, Referenten, Beamte, Sekretärinnen und Parlamentsbesucher waren hierher evakuiert worden – zu ihrer Sicherheit. Erst abends um acht ließ sie die Polizei nach Hause gehen.

          All das hatte ein einziger Angreifer geschafft. Am frühen Nachmittag, gegen Viertel vor drei Uhr, lenkte er seinen Hyundai-Geländewagen auf den Bürgersteig der Westminster-Brücke, überfuhr im Zickzack, wer ihm im Weg stand, und rammte sein Auto schließlich in den gusseisernen Zaun vor dem Parlament. Zwei Passanten starben, darunter eine Mutter, die gerade ihre zwei Töchter abholen wollte. Unter den Verletzten befanden sich Schüler aus der Bretagne, die auf Besuch in London waren, Touristen aus Korea, Rumänien, und Griechenland, auch eine Deutsche wurde ins nahegelegene Krankenhaus eingeliefert.

          Polizei kann vor derartigen Anschlägen keinen Schutz bieten

          Nach dem Aufprall vor dem Parlament rannte der Angreifer einige Meter am Zaun entlang und schlüpfte durch die Hauptsicherheitsschleuse, durch die auch die Premierministerin fährt, wenn sie von Downing Street ins Unterhaus gebracht wird. Er stach einen Beamten nieder, der ihn stoppen wollte, und nahm Kurs auf den Eingang zur Westminster Hall. Bevor er ihn erreichte, trafen ihn mehrere tödliche Kugeln. Einen der bewegendsten Momente erlebten die Augenzeugen, als der Abgeordnete Tobias Ellwood am Boden lag und vergeblich versuchte, das Leben des schwer verletzten Polizisten durch Mund-zu-Mund-Beatmung zu retten. Ellwood hatte im Oktober 2002 seinen Bruder beim Terroranschlag auf der indonesischen Insel Bali verloren.

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