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Nach dem Giftangriff : Diese reichen Russen könnte Mays Zorn treffen

Er akzeptiert die Spielregeln des Kremls: Roman Abramowitsch mit seiner Freundin Darja Schukowa (Archivbild aus dem Jahr 2012) Bild: AP

Nach dem Giftanschlag auf den Doppelagenten in Großbritannien kündigte Premierministerin May ein strengeres Vorgehen gegen „kriminelle und korrupte Eliten“ an. Die Multimilliardäre Abramowitsch, Usmanow und Deripaska wären naheliegende Ziele.

          5 Min.

          Als Theresa May am Mittwoch die Maßnahmen der britischen Regierung gegen Russland bekanntgab, kündigte sie auch ein strengeres Vorgehen gegen „kriminelle und korrupte Eliten“ an. „Es gibt keinen Platz für diese Leute – oder ihr Geld – in diesem Land“, sagte die Premierministerin im Unterhaus. Was sie genau beabsichtigt, blieb offen, und May vermied es auch, Namen zu nennen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Das hatte am Vortag der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalnyj besorgt, als er die britische Regierung aufforderte, insbesondere gegen drei Russen mit Verbindungen nach London vorzugehen: die Oligarchen Roman Abramowitsch und Alischer Usmanow sowie – was für den Kreml politisch am schmerzlichsten wäre – den stellvertretenden Ministerpräsidenten Igor Schuwalow. Ein vierter Name wird ebenfalls von Regimegegnern genannt: Oleg Deripaska. Gemeinsam ist den vieren, dass sie in London Geld investiert haben, das Antikorruptionsaktivisten als „verdächtig“ bezeichnen, und dass sie über enge Kontakte zum russischen Präsidenten Wladimir Putin verfügen.

          Abramowitsch ist den Briten bekannt, seit er vor 15 Jahren den traditionsreichen Londoner Fußballclub Chelsea kaufte. Sein Vermögen wird auf neun bis 13 Milliarden Euro geschätzt. Er ist aktiv in der Londoner Kunstszene und unterstützt gelegentlich Ausstellungen mit russischen Künstlern. Vor zehn Jahren machte er Schlagzeilen, als er ein Triptychon von Francis Bacon und ein Ölgemälde von Lucian Freud für mehr als hundert Millionen Euro ersteigerte. Seine Stadtvilla in London befindet sich auf halber Strecke zwischen der russischen Botschaft und dem Kensington Palace. Die Klatschpresse berichtet gerne über seine legendären Silvesterpartys, die er allerdings außerhalb Londons, in Moskau oder in seinem Anwesen in der Karibik, feiert. Dafür ließ er schon Weltstars wie Beyoncé, Prince, Robbie Williams oder die Red Hot Chili Peppers einfliegen, die im Kreis der geladenen Gäste Konzerte gaben. Abramowitsch kauft in regelmäßigen Abständen Yachten oder lässt sie sich bauen. Außerdem besitzt er zwei Privatflugzeuge, darunter eine umgebaute Boeing 767.

          Mysteriöse Todesfälle

          Vor sieben Jahren strengte sein langjähriger Geschäftspartner Boris Beresowskij, ebenfalls ein „Londoner“, eine Zivilklage wegen Erpressung und Vertragsbruchs gegen ihn an, der der High Court in London nicht stattgab. Sieben Monate nach dem Urteil wurde Beresowskij tot in seinem Haus in Berkshire aufgefunden. Sein Tod gehört zu den zahlreichen mysteriösen Todesfällen russischer Exilanten, die nun im Zuge des Mordanschlags auf den Doppelagenten Sergej Skripal wieder aufgerollt werden sollen.

          „Es gibt keinen Platz für diese Leute – oder ihr Geld – in diesem Land“, so Theresa May in ihrer Rede am Mittwoch.
          „Es gibt keinen Platz für diese Leute – oder ihr Geld – in diesem Land“, so Theresa May in ihrer Rede am Mittwoch. : Bild: AFP

          Der 51 Jahre alte Abramowitsch ist derjenige der vier, dessen politische Rolle am wenigsten offensichtlich ist. Aber sein Weg unter Putin ist bezeichnend dafür, wie Politik und Wirtschaft in Russland zusammenwirken. Am Anfang von Putins Herrschaft musste sich das Verhältnis erst zurechtruckeln. 2003 wollte Abramowitsch seinen Ölkonzern mit dem des im Kreml in Ungnade gefallenen Michail Chodorkowskij fusionieren – erkannte dann aber schnell die Zeichen der Zeit und verstand auch Putins nachdrückliche Bitte richtig, sich als Gouverneur um die entlegene Provinz Tschukotka zu kümmern. In jenen Jahren verkaufte er Anteile an einer Reihe von aus unterschiedlichen Gründen „politisch sensiblen“ Unternehmen, so dass Gerüchte aufkamen, er wolle Russland verlassen – zumal ihm auch sein Engagement bei Chelsea in Russland als „unpatriotisch“ vorgehalten wurde. Doch da er die Spielregeln des Kremls akzeptiert hat, muss er solche Angriffe heute nicht mehr fürchten – und seine Geschäfte können gedeihen.

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