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Großbritannien : Kein Adelstitel für Bercow?

John Bercow im Oktober 2019 in London Bild: dpa

Mehr als 250 Jahre lang war es Tradition, dass der scheidende Sprecher des britischen Unterhauses geadelt wird. Bei John Bercow lehnt Premier Boris Johnson das aber offenbar ab – wegen dessen Rolle in den Brexit-Debatten.

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          Scheidende britische Abgeordnete können am Ende ihrer Parlamentskarriere, besonders wenn sie lang gewesen ist, damit rechnen, geadelt zu werden. Der Premierminister legt traditionellerweise nach einer Wahl der Königin eine Vorschlagsliste vor, auf der die Namen verdienter Parlamentarier stehen. Dies gilt als Zeichen der Anerkennung für ihren Dienst an der Öffentlichkeit. Die Peer-Würde, also die Aufnahme in den britischen Hochadel, berechtigt den Träger sodann, an den Sitzungen des britischen Oberhauses teilzunehmen, sie kann jedoch nicht auf die Nachkommen vererbt werden.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Was für die einfachen Abgeordneten zutrifft, gilt umso mehr für den Sprecher des Unterhauses, der aufgrund dieses Amtes eine herausgehobene Stellung im Parlament einnimmt und quasi traditionell nach seinem Abschied aus dem Unterhaus in den Stand eines Peer erhoben wird. So wurden sämtliche Sprecher des Unterhauses nach 1761 nach ihrer Amtszeit geadelt, es sei denn, sie verstarben im Amt beziehungsweise so kurz nach ihrem Rückzug, dass dies nicht mehr möglich war. Der Letzte, dem diese Ehre nicht zuteil wurde, war Arthur Onslow, der von 1728 bis 1761 Sprecher des Unterhauses war. Trotz dieser Dauer, bis heute von keinem anderen Sprecher überboten, wurde er bis zu seinem Tod im Jahr 1768 nicht geadelt – und das, obwohl ihm bei seinem Ausscheiden das gesamte Haus für seine Dienste dankte und König Georg III. ihm eine jährliche Rente von 3000 Pfund gewährte.

          Diese 250 Jahre währende Tradition könnte nun durchbrochen werden. Britischen Medienberichten zufolge lehnt Premierminister Boris Johnson es ab, John Bercow, den Ende Oktober des vergangenen Jahres ausgeschiedenen Sprecher des Unterhauses, auf die nach der Wahl vom Dezember anstehende Vorschlagsliste – die „Dissolution Honours“ – aufzunehmen. Bercow hat die Konservativen mit seinem Verhalten im Amt nachhaltig verärgert. Sie werfen ihm vor, in den Debatten über den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union die Brexit-Gegner bevorzugt und so die Ziele der Regierung hintertrieben zu haben.

          Tatsächlich hat Bercow die Brexit-Gegner viel zu Wort kommen zu lassen. Er erklärte das damit, dass er sich als Anwalt des Parlaments verstehe und die Prärogative des Unterhauses vor der Regierung schütze. Schon die frühere Premierministerin Theresa May hatte deshalb ihre Mühe mit Bercow. Und auch ihr Nachfolger Boris Johnson machte unerfreuliche Bekanntschaft mit dem Mann mit den bunten Krawatten, der sich gegen Johnsons Bemühen, das Parlament in den Zwangsurlaub zu schicken, wortreich zu Wehr setzte und das Vorgehen eine „verfassungsrechtliche Schande“ nannte.

          Diese schwierige Beziehung könnte nun dazu führen, dass Johnson Bercow nicht ins Oberhaus schicken will. Doch hat er überhaupt die Macht dazu? Auf die Vorschlagsliste kommen vor allem Namen, die die Regierung beisteuert. Doch auch Einzelpersonen und die anderen Parteien im Unterhaus können Namen vorschlagen, die dann von mehreren Kommissionen geprüft werden. Im Fall der Vorschläge für Peers ist dafür die House of Lords Appointments Commission zuständig. Hat diese die Kandidaten überprüft und ist der Meinung, sie könnten ins House of Lords zugelassen werden, muss der Premierminister der Liste zustimmen, bevor er sie der Monarchin überreicht.

          Bercow hat somit durchaus noch eine Chance, zumindest auf die Liste zu kommen. Unterstützt wird er dabei von Jeremy Corbyn, dem scheidenden Labour-Vorsitzenden. Wie die „Sunday Times“ berichtet, will Corbyn Bercow nominieren. Es sei das gute Recht des Oppositionsführers, Mitglieder seiner eigenen Partei für die Liste vorzuschlagen, erklärte ein Sprecher von Boris Johnson in einer Stellungnahme. Das ist Bercow nicht – auch wenn er in der Brexit-Diskussion Labour näher war als den Tories. Doch zwischen den Zeilen deutet sich damit eine Lösung an, sollte Bercow unbedingt darauf Wert legen, in den Adelsstand erhoben zu werden: Er müsste Labour beitreten.

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