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Großbritannien : Ein Union Jack für alle

Der Union Jack soll helfen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Nach den Anschlägen in Großbritannien appelliert Premier Brown an die „Britishness“ der Muslime. Sein Feldzug zur Eroberung „der Herzen und der Köpfe“ soll bei Symbolen beginnen. Aber Brown verfolgt auch eigennützige Motive.

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          Der Weg der Glasgower Muslime in die Zentralmoschee war an den Tagen nach dem Brandanschlag am Flughafen gesäumt von Polizeipatrouillen. Die Muslime bekamen von den Beamten tröstende Worte mit: „Das waren doch nicht eure Jungs.“ Inzwischen mehren sich Anzeichen, dass nicht alle Briten diese Ansicht teilen.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Es brannte schon ein Maklerbüro neben einer Moschee in der Nähe von Glasgow, auch der Zeitungsstand eines Pakistanis ging in Flammen auf. In Glasgow leben muslimische Einwohner verschiedener ethnischer Herkünfte - von der Türkei über Arabien, Pakistan und Indien bis Afrika. Sie machen zwar nur rund drei Prozent der Bevölkerung aus, bilden aber immerhin eine Minderheit von mehr als 20.000 Menschen.

          Ein gemeinsames Feindbild

          Die Vertreter der Muslime betonen, der Integrationsgrad der lokalen muslimischen Gemeinschaft sei hoch. Der Präsident des Islamischen Zentrums an der Zentralmoschee, Bashir Maan, ließ sich in Zeitungen zitieren mit der Behauptung, die Muslime in Schottland unterschieden sich deutlich von den muslimischen Gemeinschaften in Mittelengland, in Yorkshire - von dort stammten einige der Selbstmordattentäter der Londoner U-Bahnanschläge vor zwei Jahren - und im Süden Englands.

          Brown bastelt an seinem Profil

          Die schottischen Muslime seien in der Regel wohlhabender und gebildeter. Außerdem seien die Schotten ein toleranteres und freundlicheres Volk als die Engländer. Das Zugehörigkeitsempfinden Maans und anderer, etwa des Abgeordneten Bashir Ahmad, der für die Partei der schottischen Nationalisten im Regionalparlament in Edinburgh sitzt, ist eindeutig: Auch die Muslime sind demnach Schotten. Das ist umso leichter, als sich auf diese Weise dann für manche Zumutung der Integration ein - gemeinsames - englisches Feindbild haftbar machen lässt.

          Verzicht auf Untertöne des Verständnisses

          In London und in den mittelenglischen Gegenden mit hohen muslimischen Bevölkerungsanteilen hat seit dem Aufkommen des islamistischen Terrors, spätestens aber seit den Londoner Anschlägen vor zwei Jahren das Misstrauen gegen die islamische Minderheit ebenso zugenommen wie deren Gefühl des Zurückgesetztseins.

          Der Schock der neuerlichen blutigen Terrorvorhaben, ungeachtet ihrer Fehlschläge, könnte das wieder in die entgegengesetzte Richtung ändern. Die muslimischen Organisationen setzen jetzt deutlichere Zeichen in der Verurteilung der Anschläge. Sie verzichten auf Untertöne des Verständnisses für die Motive der Terroristen, wie sie noch vor einem Jahr zu hören waren.

          Feuer des Radikalismus ersticken

          Jetzt sagt der Generalsekretär des britischen Rates der Muslime, der größten der muslimischen Dachorganisationen, es gelte vor allem, das Feuer des Radikalismus innerhalb der muslimischen Gemeinschaft zu ersticken. Und sein Stellvertreter Abdullah gibt an, man müsse zur Kenntnis nehmen, dass es Radikalisierungstendenzen in der islamischen Gemeinde gebe. Alle seien von den Folgen betroffen, daher hätten alle teil an der Verantwortung, den Radikalismus zu verurteilen.

          Vor einem halben Jahr erntete ein Dokumentarfilm des Fernsehsenders Channel 4, der mit versteckter Kamera radikale, intolerante und antisemitische Hass-Predigten britischer Imame filmte, noch ganz andere Reaktionen der muslimischen Funktionäre. Zwar wurden die gezeigten Passagen nicht bestritten, die meisten Kommentare behaupteten aber abwehrend, die Filmausschnitte seien „aus dem Zusammenhang gerissen“.

          Wiederum ein halbes Jahr zuvor hatte ein Buch der konservativen Gesellschaftskritikerin Melanie Phillips den Zorn muslimischer Repräsentanten erregt. Unter dem Titel „Londonistan“ behauptet das Buch, die Toleranz und Gleichgültigkeit der modernen britischen Gesellschaft gegenüber dem Treiben radikaler Islamisten werde London zu einer Brutstätte des Terrors machen.

          Jemenitische Matrosen waren die ersten Muslimen

          Melanie Phillips' These vereinfacht eine viel buntere Wirklichkeit. Die muslimischen Fundamentalisten, die in den achtziger und neunziger Jahren in London mittels großzügiger Asylgesetze beherbergt wurden, waren stärker arabisch geprägt als jene Milieus, aus denen sich jetzt überraschend radikalisierte junge Männer als Selbstmordattentäter melden.

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