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Großbritannien : Ein Jubiläum und zwei Todesfälle

  • -Aktualisiert am

Zehn Jahre Blair: „Reden auf Vibrato” Bild: dpa/dpaweb

Vor genau zehn Jahren wurde Tony Blair plötzlich Labour-Vorsitzender - doch zum Feiern ist heute niemandem zumute. Der Irak-Krieg und die Kelly-Affäre haben den Premier in Bedrängnis gebracht.

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          Auf dem Grab liegen frische Rosen, Lilien und Chrysanthemen. Einen Stein hat die Familie noch nicht gesetzt, dafür sind Grab und Wunde noch zu frisch. Nur eine Plastiktafel, die routinemäßig von der Verwaltung gestellt wird, verrät den Namen.

          Er ist auch in eine Bank gegenüber eingekerbt, die gespendet wurde „von den anderen Kartenspielern im ,Hind's Head'“. In der Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert, zu der die Gräber emporschauen, scheint ebenfalls eine Widmung versteckt. Die Bibel im Chor ist in dieser Woche des Jahrestags aufgeschlagen bei Lukas, Kapitel 3: "Eine Stimme ruft in der Wüste." Der Jahrestag war der 18. Juli. Alles andere verrät die Plastiktafel am ungemachten Grab in Longworth in der Nähe von Oxford: "David Christopher Kelly, gestorben am 18. Juli 2003, 59 Jahre alt".

          Der dunkelste Tag in Blairs politischem Leben

          David Kelly war ein Wissenschaftler im Dienst des Verteidigungsministeriums und Großbritanniens führender Sachverständiger für chemische und biologische Waffen. Er hat sich das Leben genommen, als enthüllt werden sollte, er habe in einem Hintergrundgespräch mit einem BBC-Reporter die Regierung Blair beschuldigt, sie habe das Geheimdienstmaterial über den Irak aufgebauscht, um Parlament und Land an der Nase herum in den Krieg zu führen. Das war der dunkelste Tag in Tony Blairs politischem Leben.

          Zehn Jahre Labour-Vorsitz haben Spuren hinterlassen: Tony Blair
          Zehn Jahre Labour-Vorsitz haben Spuren hinterlassen: Tony Blair : Bild: dpa/dpaweb

          Für ihn wiederum muß dieses Jahr wie im Zeitraffer vergangen sein. Er hat viermal scheinbar erfolgreich versucht, den Geist Kellys zu bannen, doch viermal ist er aus dem Dunkel zurückgekommen. Zwei Parlamentsausschüsse haben Blair von Kellys Anschuldigung freigesprochen, wenn auch strikt nach der Mehrheit der Fraktionen. Aber auch zwei von der Politik unabhängige Untersuchungen haben einen Schlußstrich zu ziehen versucht, zuerst Lord Hutton, dann vor einer Woche Lord Butler.

          Doch schon die nächste Umfrage ergab, daß nun erst recht 55 Prozent der Befragten glauben, Blair habe gelogen; nur 37 Prozent wollen ihm glauben. Und die Parlamentsdebatte über Butlers Bericht am Dienstag war so hitzig wie die vor dem Kriegszug im März des vorigen Jahres; als hätte es das ganze Jahr nicht gegeben.

          21. Juli 1994 - der „Gründungstag“ von „New Labour“

          Welch ein Kontrapunkt zu einem anderen Tod, der den Beginn von Blairs Laufbahn markiert hat. Im Mai 1994 erlag der Labour-Vorsitzende und Oppositionsführer John Smith überraschend einem Herzinfarkt, und nach gebührender Anstandsfrist wurde Blair sein Nachfolger. Den 21. Juli 1994, als dies geschah, wird man vielleicht einmal als den Gründungstag von "New Labour" feiern. Doch heute macht die Partei möglichst wenig Aufhebens davon, denn im verflixten siebten Jahr der Regierung Blair muß man die Leute nicht auch noch mit Gewalt zum Nachsinnen bringen, wie grandios alles einmal begonnen hatte und wie viele Hoffnungen seither enttäuscht worden sind.

          O-Ton Blair im Vibrato

          Manchen geht sogar schon die Stimme Blairs auf die Nerven. Lord Hurd, der frühere konservative Außenminister und ein Ehrenmann mit diplomatischen Manieren, hat kürzlich einmal seine gute Schule vergessen und bekannt: "In der Stimme des Premierministers ist ein bestimmter Tonfall. Er schaltet auf Vibrato, und etwas passiert mit seinen Augen, als ob ein Lied dahinter wartete. Ich finde das widerwärtig, und ich glaube nicht, daß das nur mit meinem Alter zu tun hat."

          Jeder Fernsehzuschauer wird wissen, was Hurd meint: "Wir wollen das Alte und das Neue kombinieren und die traditionellen britischen Werte der Verantwortlichkeit und des Respekts für andere zusammenbinden mit einer neuen Agenda der Chancen für alle in einer Welt der Herausforderungen." Das ist schimmernder Originalton Blair, natürlich in glanzloser Übersetzung. Die Rede hatte er selbst geschrieben, und er hat sich auch von seinen Beratern nicht davon abbringen lassen, sie im Juni 2000 vor zehntausend gestandenen Frauen im Wembleystadion zu halten.

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