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Britische IS-Unterstützerin : Zwischen Milde und Härte

Vorbei: Islamistische Truppen marschieren durch die syrische Stadt Raqqa, die zwischenzeitliche Hauptstadt des IS. Bild: AP

Großbritannien diskutiert darüber, ob die „IS-Braut“ Shamima Begum wieder ins Land gelassen werden soll. Eine einheitliche Meinung gibt es nicht. Der Innenminister schafft derweil Fakten.

          In Britannien begann die Debatte über terrorverdächtige „Heimkehrer“ aus Syrien schon Tage bevor Donald Trump die Länder Europas aufforderte, gefangene Kämpfer des „Islamischen Staates“ (IS) zurückzunehmen. Ein Reporter der „Times“ hatte in der vergangenen Woche eine im Königreich bekannte „IS-Braut“ in einem syrischen Flüchtlingslager ausfindig gemacht und ihren Rückkehrwunsch in der Zeitung kundgetan. Seither diskutieren die Briten, ob sie Shamima Begum einreisen lassen sollen und wie mit ihr umzugehen sei. Auch die Entscheidung des Innenministers vom Dienstagabend, ihr die britische Staatsangehörigkeit abzuerkennen und so die Einreise zu verhindern, hat die Auseinandersetzung nicht beendet.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Begum war vor vier Jahren, zusammen mit zwei Freundinnen, direkt von der Schule in Ostlondon zum Flughafen gefahren und in die Türkei geflogen, von wo aus sie sich bis ins „Kalifat“ durchboxten. Begum war damals 15 Jahre alt, und die Geschichte erhielt im ganzen Königreich Aufmerksamkeit. Seit den Interviews, die sie in den vergangenen Tagen aus der Ferne gegeben hat, weiß man, dass eine ihrer beiden Freundinnen bei einem Raketenangriff umgekommen ist. Begum selber heiratete in Baghuz den niederländischen Dschihadisten Yago Riedijk, nachdem sie die IS-Verwaltung darum gebeten hatte, ihr einen englischsprachigen Ehemann zuzuweisen. Der befindet sich inzwischen in den Händen der niederländischen Justiz.

          Begums Heimkehrappell, der von ihrer in London lebenden Familie flankiert wird, war emotional aufgeladen, weil sie zum Zeitpunkt des „Times“-Interviews kurz vor einer Entbindung stand. Nach eigenen Angaben hatte sie zuvor schon zwei Kinder verloren, eines durch Unterernährung und eines durch Krankheit. Am vergangenen Wochenende brachte sie dann im Flüchtlingslager einen Sohn auf die Welt. Dies sei kein Ort, um ein Kind aufzuziehen, jedenfalls nicht auf Dauer, sagte sie.

          Das Kind, das nach verbreiteter Rechtsauffassung die britische Staatsangehörigkeit besitzt, zumindest aber Anspruch auf dieselbe hat, spielt eine besondere Rolle in der Diskussion, weil manche der Meinung sind, es dürfe nicht für die Missetaten der Eltern bestraft werden. Aber auch im Bezug auf die Mutter selbst ist die Entscheidung, die Innenminister Sajid Javis mit Verweis auf die „Sicherheit Britanniens und seiner Bürger“ getroffen hat, problematisch. Nach britischem Recht darf die Staatsangehörigkeit nur entzogen werden, wenn der Betroffene dadurch nicht staatenlos wird. Nach Auffassung des Innenministeriums ist Begum auch Staatsangehörige Bangladeschs, weil ihre Mutter dort geboren wurde. Begum sagte der BBC, sie sei noch nie in Bangladesch gewesen und habe auch keinen Pass des Landes. Der Anwalt der Familie, Muhammad Akunjee, sagte am Mittwoch, die Regierung von Bangladesch „weiß nicht, wer sie ist“. Begum sei staatenlos gemacht worden, weshalb er die Entscheidung anfechten werde. 

          Der Fall Begum wird aber auch jenseits der Staatsangehörigkeitsfrage diskutiert. Viele unterstützen ein Einreiseverbot für Begum mit dem Argument, „dass Aktionen Konsequenzen haben“, wie es der Staatssekretär im Innenministerium, Ben Wallace, ausdrückte. Die Regierung habe zur Zeit, als Begum dem IS zur Hilfe eilte, öffentlich klar gemacht, dass derartige Reisen als Unterstützung einer terroristischen Vereinigung gelten. Erschwerend kommt hinzu, dass Begum keine Anzeichen von Reue über ihre Entscheidung zeigt. In einem Interview mit dem Fernsehsender „Sky News“ sah sie sich nicht einmal in der Lage, IS-Gräueltaten wie Enthauptungen zu kritisieren. „Ich hatte damit keine Probleme, weil ich gehört hatte, dass es islamisch okay ist“, sagte sie. Diane Foley, die Mutter des vom IS ermordeten amerikanischen Journalisten James Foley, kommentierte dies mit den Worten: „Wenn sie glaubt, dass man unschuldige Menschen einfach so enthaupten darf, dann hat sie offensichtlich eine Menge Probleme und könnte eine Bedrohung für Ihr Land sein.“

          Auf der anderen Seite wird Begums jugendliches Alter ins Feld geführt und die „Verantwortung“, die Britannien gegenüber allen seinen Bürgern habe. Frühere IS-Kämpfer mit einem britischen Pass hätten das Recht, durch die Prozeduren des britischen Rechtsstaat zu gehen, und müssten – sofern schuldig gesprochen – eingesperrt werden, sagte der frühere Armeechef Lord Dunnatt. Dabei sollten sie „fair behandelt werden, maßvoll und mit ein bisschen Gnade, weil die Art, wie wir sie behandeln, großen Einfluss darauf haben könnte, wie andere Leute unsere Gesellschaft sehen.“ Andere machten darauf aufmerksam, dass islamische Extremisten, die erfolgreich deradikalisiert wurden, heute eine wichtige Vermittlerrolle im Königreich spielen. 

          Man solle „Mitgefühl“ mit ihr haben, verlangte Begum, was zu spöttischen und auch empörten Reaktionen in einigen Zeitungen führte. Begum argumentiert, dass sie „nie etwas Gefährliches getan“ und auch niemanden ermuntert habe, nach Syrien zu kommen. Ihr Leben im Kalifat sei vielmehr das einer Hausfrau gewesen, die sich um ihre Kinder gekümmert habe. Auch die Worte, mit denen sie ihre neue Integrationsbereitschaft in der BBC begründete, haben nicht alle überzeugt: „Ich unterstütze durchaus einige britische Werte und will zurückkommen ins Vereinigte Königreich und mich wieder eingliedern und das ganze Zeug.“

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