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Großbritannien : Die Prosecco-Verschwörung

  • -Aktualisiert am

Gordon Brown hat nur noch wenige Unterstützer Bild: dpa

Kaum jemand in der Labour-Partei legt noch ein gutes Wort für den britischen Premier Brown ein - am wenigsten sein Vorgänger Blair und Außenminister Miliband. Womöglich muss die Königin bald den dritten Labour-Politiker in weniger als achtzehn Monaten bitten, eine Regierung zu bilden.

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          John Prescott, stellvertretender Premierminister im Ruhestand, ist eher für seine Faustschläge bekannt als für Sprachgewandtheit. Obwohl er eine besondere Gabe hat, sich mit immer neuen Ausrutschern zum Gespött zu machen, ist er nicht zaghafter geworden. Er meinte es nur gut, als er Gordon Brown mit einem Appell an die Einheit der zankenden Labour Party ausgerechnet mit dem Kapitän der dem Untergang geweihten „Titanic“ verglich, eine Anspielung, bei der jeder halbwegs historisch bewanderte oder politisch denkende Mensch zusammenzucken würde.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Nicht aber John Prescott. Er zeigte sich unbeirrt. „Es war nicht der Kapitän, der die Titanic – ein Schiff, von dem behauptet wurde, es sei unsinkbar – versenkte, es war der Eisberg“, belehrte Prescott sein Publikum und glaubte seinen Worten besonderen Nachdruck zu verleihen, indem er sich auf seine eigene Seemannserfahrung berief. Er spreche als einer, der auf einem Schiff gedient habe und wisse, dass der Kapitän am besten befähigt sei, durch „die stürmischen finanziellen, globalen Gewässer“ zu steuern. Für ihn sei Politik immer wichtiger gewesen als Persönlichkeit. Deswegen halte er Brown für den richtigen Kapitän.

          Die Labour-Abgeordneten sind fatalistisch

          Der tolpatschige Beistand mag selbst dem Premierminister, der in dem hübschen Badeort von Southwold an der Nordsee Zuflucht gefunden hat vor dem schweren Beschuss der vergangenen Wochen, ein schmales Lächeln entlockt haben. Bei seiner nächsten Wortmeldung hatte der unverdrossene Prescott schon eine andere Metapher gefunden. Diesmal griff er auf die Luftfahrt zurück. Die Menschen behaupteten, der Premierminister lächle nicht, setzte Prescott zu dessen Verteidigung an. Wenn man in ein Flugzeug steige, gehe man aber nicht zum Piloten, um zu sehen, ob er lächle. Wichtig sei nur, ob er sicher abheben und landen könne. Es gebe niemanden mit der Erfahrung von Gordon Brown.

          Brown dürfte zwischen den Pilates-Stunden mit seiner neuen, von dem Drehbuchautor Richard Curtis empfohlenen Fitnesstrainerin und den Vorbereitungen für den geplanten Neustart im September wenig Trost aus diesen Worten schöpfen. Dass sie überhaupt gesprochen wurden, zeigt, wie tief das Ansehen des Premierministers gesunken ist. In den Umfragen liegt die Regierungspartei mit 27 Prozent gegenüber 44 Prozent für die Konservativen niedriger als zu irgendeinem Zeitpunkt seit den dreißiger Jahren. Die Labour-Abgeordneten sind fatalistisch. Sie glauben nicht mehr an einen Wahlsieg. Ihnen geht es jetzt vor allem um die eigene Existenz. Sie hoffen, möglichst viele Sitze zu retten und einen Erdrutsch der Konservativen zu verhindern. Browns Zukunft wird bestimmt werden durch die Strategie, von der sich die um ihre Wahlkreise bangenden Parlamentarier den geringsten Schaden versprechen.

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