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Großbritannien : Die Prosecco-Verschwörung

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Um klarzumachen, dass er den Vatermord nicht begehen will, beruft Miliband sich gern auf eine Margaret Thatchers erfolglosem Widersacher Michael Heseltine zugeschriebene Sentenz, wonach derjenige, der das Schwert schwingt, die Krone nicht erlangt. Dennoch hat er sich in den Urlaub verabschiedet mit einem explosiven Zeitungsbeitrag, der allgemein als unverfrorener Vorstoß für eine Herausforderung Browns aufgefasst worden ist. Nachdem er sich lange um eine eindeutige Aussage für Brown gewunden hatte, hielt er es jetzt in einem Rundfunkgespräch über die Georgienkrise für geboten, die „Vitalität und Entschlossenheit“ hervorzuheben, mit der der Premierminister die Regierung führe. Doch fiel auf, dass die britische Regierung vier Tage gebraucht hat, bevor sich der Premierminister oder sein Außenminister zu der Krise geäußert haben.

Allen Beteuerungen zum Trotz kann man sicher sein, dass die Mobiltelefone und Blackberries heiß laufen zwischen den englischen Stränden, toskanischen Hügeln und spanischen Villen, wo die Abgeordneten den August verbringen. Beobachter frotzeln sogar über eine Prosecco-Verschwörung. Bislang haben sich nur einige wenige in die Schusslinie gewagt, darunter Blairs ehemaliger Verkehrsminister Stephen Byers, der Miliband lobte und ganz im Sinne von dessen Plädoyer für den Wandel zur Erneuerung aufrief.

Die Minister rüsten sich für den bevorstehenden Kampf

Byers bemängelte, dass Labour bloß lauter kleine Maßnahmen und biedere Initiativen ergreife, die einem Sonntagnachmittagsbummel eher entsprächen als der Riesenaufgabe, die nächste Wahl zu gewinnen. Doch bilden sich hinter den Kulissen Fronden, die Intrigen spinnen und dem shakespeareschen Drama, als das Browns Aufstieg und Niedergang oftmals bezeichnet worden ist, den Charakter einer Mafia-Fehde verleihen. Auch andere Namen werden als künftige oder, im Falle eines vorzeitigen Rücktritt Browns, als interimistische Parteiführer ins Feld geführt, darunter die ehemaligen Außenminister Jack Straw und Margaret Beckett sowie Ed Balls, der hochstrebende junge Minister für Kinder, Schulen und Familien.

Minister, Staatsminister und rührige Hinterbänkler rüsten sich für den bevorstehenden Kampf. Unterdessen schüren sie die Spekulationen, indem sie ihre Absichten, Hoffnungen und Analysen dem fiebernden „Kommentariat“ in der inzestuösen Welt von Westminister mitteilen, derweil sie sich allesamt unter der Tarnkappe „ungenannte Quellen aus dem engsten Umkreis“ dieser oder jener Schlüsselfigur verstecken.

Während die Außenfront von Downing Street symbolischerweise mit Dampf gereinigt wird und die Konservativen mit einer anspruchsvollen Liste von achtunddreißig historischen und politischen Bänden in die Ferien geschickt worden sind, um geistigen Vorsprung zu gewinnen, denkt Gordon Brown über eine Anfang September erwartete Regierungsumbildung nach. Für den 8. September hat er eine Kabinettssitzung außerhalb Londons in den West Midlands anberaumt, mit dem Ziel, regionale Präsenz zu zeigen. David Miliband, der, aus einer Akademikerfamilie stammend, als Intellektueller gilt, feilt schon jetzt an einer Grundsatzrede, die er bei dem am 20. September in Manchester beginnenden Parteitag halten will. Dort könnte Gordon Browns Schicksal besiegelt werden. Mag sein, dass es ihm gelingt, seine Autorität wieder zu behaupten. Nur wenige glauben daran. Es ist nicht undenkbar, dass die Königin demnächst den dritten Labour-Premierminister in weniger als achtzehn Monaten bittet, eine Regierung zu bilden. Wie es auch kommt: „Schwer ruht das Haupt, das eine Krone trägt.“

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