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Attacke auf Tanker : Ein törichter Akt und seine Folgen

Das britische Kriegsschiff „HMS Montrose“, hier im Oktober 2018 vor dem Marinestützpunkt Devenport, musste am Mittwoch im Persischen Golf offenbar britische Tanker schützen. Bild: dpa

London beschuldigt Iran, einen britischen Öltanker im Golf bedrängt zu haben. Teheran weist das zurück - aber es gibt eine Vorgeschichte.

          Was genau am Mittwoch im Persischen Golf geschah, ist noch nicht klar. Das britische Verteidigungsministerium beschränkte sich am Donnerstag auf eine dürre Mitteilung. Danach hatten drei iranische Schiffe „völkerrechtswidrig“ versucht, ein britisches Öltankschiff in der Straße von Hormuz zu „behindern“. Das britische Kriegsschiff „HMS Montrose“, das den Tanker begleitete, sei „gezwungen gewesen, sich zwischen den iranischen Schiffe und der ,British Heritage‘ zu positionieren“ und mündliche Warnungen an die iranische Besatzung zu richten. Daraufhin hätten die iranischen Schiffe abgedreht. „Wir sind besorgt über die Aktion und drängen die iranischen Behörden weiterhin, die Situation in der Region zu deeskalieren“, hieß es in der Mitteilung. Auch Außenminister Jeremy Hunt äußerte am Donnerstag seine „große Besorgnis“ über den Vorfall und teilte mit, dass die Regierung die weitere Entwicklung sehr genau beobachte.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Britische Zeitungen zitierten einen Mitarbeiter des amerikanischen Verteidigungsministeriums, der den Vorfall im Golf bestätigte und ergänzte, dass die „HMS Montrose“ auch ihre Kanonen in Richtung der iranischen Schiffe ausgerichtet habe. „Es war eine Behinderung und ein Versuch, die Durchfahrt zu stören“, sagte der Beamte.

          Die Teheraner Führung hat die britische Darstellung des Vorfalls jedoch zurückgewiesen. Außenminister Dschawad Zarif sagte, der Tanker habe die Meerenge ja passiert. Er warf London vor, mit unbewiesenen Behauptungen Spannungen zu schüren. Die iranischen Revolutionsgarden bestätigten zwar, dass ihre Boote regelmäßig in der Meerenge und dem Persischen Golf patrouillierten. In den 24 Stunden, in denen sich der Vorfall ereignet haben soll, habe es jedoch kein Aufeinandertreffen mit britischen Schiffen gegeben. Liege ein Befehl vor, ein fremdes Schiff zu beschlagnahmen, würde die Marine der Revolutionsgarden das „entschlossen und umgehend“ tun, sagte ihr Sprecher.

          Ein Pfand im Streit um das beschlagnahmte Schiff?

          In der vergangenen Woche hatte die britische Marine den Behörden in Gibraltar geholfen, den iranischen Öltanker „Grace 1“ festzusetzen. Die Behörden in Gibraltar gehen davon aus, dass die Fracht nach Syrien und an die Raffinerie in Baniyas gehen sollte, das unter EU-Sanktionen steht. Daraufhin drohte am Dienstag der Chef des iranischen Generalstabs, General Mohammad Baqeri, das Vorgehen in Gibraltar werde „nicht unbeantwortet“ bleiben. Man werde zu gegebener Zeit reziprok darauf reagieren. Das Land habe die Mittel dazu, sagte Baqeri und erinnerte daran, dass Iran erst kürzlich eine amerikanische Aufklärungsdrohne abgeschossen hat, die über iranischem Territorium geflogen sei. Iranische Medien schrieben, der iranische Tanker sei auf amerikanisches Ersuchen beschlagnahmt worden. Am Donnerstag wurden der Kapitän und ein Offizier des Schiffes in Gibraltar festgenommen.

          Der Generalsekretär des iranischen Schlichtungsrats, Mohsen Rezai, sprach aus, wie diese reziproke Antwort, die Baqeri angedeutet hat, aussehen könnte: Er forderte die Beschlagnahmung eines britischen Tankers, um mit diesem Pfand die Rückgabe des in Gibraltar festgesetzten iranischen Tankers zu bewirken. Der iranische Präsident Hassan Rohani nannte noch am Mittwoch die Beschlagnahmung des Schiffs in Gibraltar einen „törichten Akt“, dessen Folgen Großbritannien zu gegebener Zeit zu spüren bekomme. Andererseits hatte Rohani in den vergangenen Tagen Gespräche mit Frankreich geführt, auch mit Präsident Emmanuel Macron, um einen multilateralen Dialog zu Iran wieder in Gang zu setzen. Der britische Botschafter wurde jedoch in das Teheraner Außenministerium einbestellt. Er musste sich den Vorwurf anhören, dass sich Großbritannien der „Piraterie“ schuldig gemacht habe.

          Das Festsetzen der „Grace 1“ führte auch zu einem Streit zwischen Gibraltar, das zu britischem Überseegebiet gehört, und Madrid. Nach spanischen Informationen waren die Behörden in Gibraltar auf Aufforderung der Vereinigten Staaten tätig geworden, was von Gibraltar bestritten wird. Spanien erwägt nun eine Klage, weil es die Gewässer um die Halbinsel im Süden Spaniens als sein Hoheitsgebiet betrachtet.

          Ein Vorfall, der ins Muster passt

          Der britische Ölkonzern BP bestätigte unterdessen, dass die „British Heritage“ zu ihm gehöre. Man wolle Sicherheitsfragen nicht kommentieren, danke aber der Royal Navy für ihre Unterstützung, sagte ein Sprecher. Es blieb unklar, ob der Tanker Fracht geladen hatte. Der Regionalfachmann Sidharth Kaushal vom Royal United Services Institute in London sagte am Donnerstag, der jüngste Vorfall passe sehr gut in das „iranische Muster kalibrierter, unscharfer Eskalation“. Er machte zugleich auf unbestätigte Berichte aufmerksam, denen zufolge die iranischen Revolutionsgarden womöglich nicht nur versucht hätten, die Durchfahrt der „British Heritage“ zu stören, sondern sie in iranische Hoheitsgewässer umzuleiten, um sie dort festzusetzen. „Sollte das der Fall gewesen sein, wäre das ein viel stärker eskalierender Schritt“, sagte Kaushal.

          Zur Zeit patrouilliert die Royal Navy nur mit der Fregatte „HMS Montrose“ sowie mit vier Minensuchbooten im Golf. Militärfachleute zweifeln daran, dass dies ausreicht, um alle britischen Schiffe zu bewachen, die die Straße von Hormuz passieren. In außenpolitischen Kreisen wird daher darüber diskutiert, ob London die Militärpräsenz in der Region erhöhen sollte. Als Gefahr wird gesehen, dass dies zur Eskalation beitragen könnte.

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