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Großbritannien : Angst vorm schlimmsten Leck aller Zeiten

Vater und Anwalt: Lon Snowden und der russische Verteidiger Anatolij Kutscherena in Moskau Bild: AP

Mit beachtlicher Verspätung beginnen nun auch die Briten, leidenschaftlich über Snowdens Enthüllungen zu diskutieren – und sorgen sich über die Weitergabe streng vertraulicher Informationen.

          3 Min.

          Guy Burgess und Donald MacLean waren hohe Regierungsbeamte ihrer Majestät, bevor sie sich in den fünfziger Jahren nach Moskau absetzten. Lange Jahre hatten sie, gemeinsam mit drei weiteren britischen Agenten, Informationen aus westlichen Hauptstädten an Stalin gespielt – und später als „Cambridge Five“ prominenten Eingang in die Spionagechroniken gefunden. Nun tauchen sie wieder auf, als Vergleichsgröße: Die Weitergabe streng vertraulicher Informationen durch Edward Snowden sei für den britischen Geheimdienst „das katastrophalste Leck aller Zeiten, viel schlimmer noch als Burgess und MacLean“, sagte Sir David Omand, einer der angesehensten Sicherheitsexperten des Königreichs, in einem Interview am Freitag.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Mit beachtlicher Verspätung beginnen auch die Briten leidenschaftlich über Snowdens Enthüllungen zu diskutieren – wenngleich unter umgekehrten Vorzeichen. Während der inzwischen in Moskau lebende „Whistleblower“ auf dem europäischen Kontinent für viele zum Helden geworden ist und sogar als Friedensnobelpreisträger im Gespräch war, wird Snowden in Großbritannien zunehmend als Sicherheitsrisiko wahrgenommen. Auch dem „Guardian“, der dem früheren amerikanischen Geheimdienstmitarbeiter seit Monaten die mediale Plattform bietet und im Ausland für seinen mutigen Journalismus gefeiert wird, schlägt im eigenen Land überwiegend Kritik entgegen.

          58.000 streng geheime Dokumente

          Halb erstaunt, halb belustigt blickten die Briten im Sommer auf die Kontinentaleuropäer und deren Misstrauen gegenüber den Geheimdiensten. Nun entfernt sich die Debatte noch weiter von der auf dem Festland. „Selbstgerechte Empörung“ macht der „Daily Telegraph“ in Brüssel aus, der „Spectator“ wirft den Kritikern staatlicher Überwachung vor, dass sie die Ersten seien, die nach einem Terroranschlag das Unvermögen der Geheimdienste anprangern. In Großbritannien hat Eindruck hinterlassen, dass einheimische Terroristen offenbar nicht nur am Anschlag in Nairobi beteiligt waren, sondern zunehmend aktiv an der Seite der Islamisten in Syrien kämpfen.

          Zugleich scheinen die Geheimdienste erst jetzt das ganze Ausmaß des Datenlecks erfasst zu haben. David Omand, der früher die britische Datensammelstelle GCHQ geleitet und 10 Downing Street beraten hat, bezeichnete den „Diebstahl von 58.000 streng geheimen britischen Geheimdienstdokumenten“ als „sehr, sehr schädlich“. Der Chef des Inlandsgeheimdienstes MI5, Andrew Parker, hatte die Veröffentlichung der Geheimdienstdokumente schon am Dienstag als „Geschenk“ für die Terroristen um Al Qaida bezeichnet – und so die Debatte eröffnet. Seinem Angriff auf Snowden und den „Guardian“, die er nicht namentlich erwähnte, folgte viel Zustimmung.

          Nicht nur die konservative Presse kritisiert die „Enthüllungen“, die nach Ankündigung der „Guardian“-Redaktion noch nicht beendet sind. Selbst der stellvertretende Regierungschef Nick Clegg, dessen Liberaldemokraten sich traditionell als Anwalt der Bürgerrechte sehen, fand scharfe Worte: „Ich habe keinen Zweifel, dass einiges, was der ,Guardian‘ veröffentlicht hat, an den meisten Lesern vollkommen vorbeigegangen ist, weil sehr technisch – aber äußerst interessant für Leute war, die uns Schaden zufügen wollen.“ Premierminister David Cameron, der sich schon im Sommer erbost gezeigt hatte, forderte die Redakteure öffentlich auf, über ihre Verantwortung nachzudenken und darüber, ob sie „helfen, dass unser Land sicher bleibt“.

          Der Chefredakteur der Zeitung, Alan Rusbridger, verteidigt sich gegen die Vorwürfe, er spiele Terroristen in die Hände, auf flapsige Weise: „Lesen Sie Geschichten über die Geheimdienste, und die Sicherheitsleute sagen immer dasselbe“, sagte er. Rusbridger zeigte sich „überrascht“, dass die Debatte über den Überwachungsstaat auf der Insel nicht in Schwung gekommen ist. „Wenn also das Parlament die Diskussion nicht führen wird, dann fällt es der Presse zu, eine Diskussion zu stimulieren, für die sich in ganz Amerika und in ganz Europa die Öffentlichkeit interessiert.“

          Schützenhilfe erhielt Rusbridger immerhin von einem: dem liberaldemokratischen Wirtschaftsminister Vince Cable, einem innerparteilichen Rivalen Cleggs. Der Vergleich mit dem Spionagering der „Cambridge Five“ sei „ein bisschen bizarr“, sagte Cable am Freitag in der BBC. Die legendären Agenten hätten im Verborgenen gearbeitet, während Snowden an die Öffentlichkeit gegangen sei. Die Entscheidung des „Guardian“, das geheimdienstliche Material zu publizieren, nannte er „mutig“ und unter journalistischen Maßstäben „völlig korrekt und richtig“. Ungeteilt war aber auch Cables Verteidigung nicht: „Herr Snowden, das ist eine ganz andere Baustelle.“

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