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Präsidentenwahl in Belarus : Eine Frau fordert Lukaschenka heraus

Mutige Frauen: Zepkalo, Tichanowskaja und Kolesnikowa bei der Kundgebung am Sonntag in Minsk. Bild: Getty

Vor der Präsidentenwahl in Belarus macht eine oppositionelle Kandidatin den Autokraten Alexandr Lukaschenka nervös. Der hält nichts von Frauen an der Staatsspitze und mahnt das Militär.

          2 Min.

          Schon am 9. August will sich Alexandr Lukaschenka, Dauerherrscher von Belarus seit 26 Jahren, im Präsidentenamt bestätigen lassen. Aber seine Kampagne läuft immer noch nicht nach Plan, obwohl das Regime etliche Register gezogen hat: Lukaschenkas aussichtsreichste Gegner wurden an der Kandidatur gehindert und teils samt Mitstreitern inhaftiert, Hunderte Belarussen bei Protestaktionen festgenommen. Trotz allem strömten am Sonntag Tausende zu einer Kundgebung der Frau, die zur wichtigsten Gegenkandidatin Lukaschenkas geworden ist, in den Minsker Völkerfreundschaftspark.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die größte Oppositionsveranstaltung in Belarus seit langem galt Swetlana Tichanowskaja. Die 37 Jahre alte Übersetzerin ist die Frau des Bloggers Sergej Tichanowskij. Er war mit seinem Youtube-Kanal binnen kurzer Zeit zu einem führenden Kritiker der Misere im von Staatswirtschaft und Korruption gelähmten Belarus geworden und darbt seit Wochen wegen Vorwürfen, die Menschenrechtler als politisch motiviert bezeichnen, in Untersuchungshaft.

          Tichanowskaja tritt an seiner Stelle an, „um bis zum Sieg zu gehen, für mich selbst, für meinen Mann, für uns alle“, sagte sie im Staatsradio, zu dem sie als Kandidatin nun Zugang hat. „Sollte der Präsident etwa darauf zählen, dass er Leute mit Prügeln zwingt, ihn zu lieben?“ Tichanowskajas Hauptforderung für die Wahl, zu der neben ihr und Lukaschenka noch zwei Männer und eine Frau zugelassen wurden, sind faire Neuwahlen.

          Anschein von Wettbewerb aufrechterhalten

          Diese Konstellation gäbe es nicht ohne Plazet des Regimes. Lukaschenka hatte nach Tichanowskajas Kandidatur-Ankündigung schwadroniert, die Verfassung des Landes sei nicht für eine Frau gemacht, Belarus sei noch nicht „reif“ für eine Präsidentin. Lukaschenka mag Tichanowskaja als schwache Gegnerin gesehen haben, es dürfte aber auch darum gegangen sein, ein Quentchen Spannung, einen Anschein von Wettbewerb zu erhalten.

          Aber jetzt wird Tichanowskaja von den zwei laut (aufgrund von Einschränkungen bedingt aussagekräftigen) Umfragen aussichtsreichsten, verhinderten Herausforderern unterstützt: von dem früheren Banker Viktor Babariko, der mit seinem Sohn und Wahlkampfleiter ebenfalls inhaftiert ist, und von Valerij Zepkalo, einem ehemaligen Diplomaten, der wegen angeblich zu weniger gültiger Unterstützer-Unterschriften nicht zugelassen wurde.

          So tritt Tichanowskaja nun gemeinsam mit Zepkalos Gattin und mit Babarikos Stabschefin auf, hat die Kräfte gebündelt. Alles läuft auf neue Wahlfälschungen hinaus, die der Autokrat auf seine Weise vorbereitet: Lukaschenka schwor am Wochenende Soldaten auf einen Versuch der Opposition ein, die Regierung gewaltsam zu stürzen, und verwies auf Erfahrungen von 2010. Damals hatte Lukaschenka Proteste gegen Wahlfälschung niederschlagen und seine Gegner wegen „Massenunruhen“ zu Haftstrafen verurteilen lassen. „Das Volk wird sich von den Diwanen erheben und seine Stimmen schützen“, sagte dagegen Tichanowskaja in Minsk am Sonntag. Die Kandidatin hat mehrfach von Drohungen gegen ihre Familie berichtet; nun bestätigte sie, ihren zehn Jahre alten Sohn und die vier Jahre alte Tochter ins Ausland gebracht zu haben, laut einer Helferin in ein EU-Land.

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