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Überschuldungskrise : Wie Griechenland den Euro rettete

Der Zeitunterschied zwischen Sydney und Tokio beträgt zwei Stunden. In diesen 120 Minuten zurrten die europäischen Finanzminister und der IWF eine Einigung über ein Euro-Stabilisierungspaket von 750 Milliarden Euro fest. In ähnlicher Hast wurde auch das erste Hilfspaket für Griechenland im Umfang von 110 Milliarden Euro geschnürt. Der Gesetzentwurf über die von den Geldgebern geforderten Reformen ging im Eiltempo durch das griechische Parlament, während in der Athener Innenstadt bei Demonstrationen gegen die „barbarische Sparpolitik“, wie der spätere griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras sie nannte, drei Menschen getötet wurden, darunter eine Schwangere, weshalb also eigentlich vier Menschen ums Leben kamen. „Angesichts dieses tragischen Ereignisses und der andauernden gewalttätigen Auseinandersetzungen in den Straßen hatten wir für einen Moment das Gefühl, dass die Situation außer Kontrolle geraten sei und wir vor einer Revolte und der möglichen Erstürmung des Parlaments stünden“, beschreibt Papakonstantinou die dramatischen Stunden in Athen, die niemand vergessen wird, der sie miterlebte.

Am Ende hat es sich für Griechenland und für Papakonstantinou gelohnt. Er ist zwar nicht mehr im Amt und wurde sogar vor Gericht gestellt, weil seine Gegner ihn beschuldigten, Verwandte vor einer Steuerfahndung bewahrt zu haben. Doch obwohl die öffentliche Meinung in Griechenland nach einem Bauernopfer lechzte, wurde Papakonstantinou nicht für schuldig befunden. Griechenland ist weiterhin im Euro – und hat laut der Lesart des ersten Finanzministers seiner Krisenjahre sogar dazu beigetragen, die gemeinsame Währung zu stärken. Einer frühen Fassung seines Buches hatte Papakonstantinou den Untertitel „Wie Griechenland den Euro rettete“ gegeben. Da Freunde, mit denen er darüber diskutierte, seine These als zu kühn empfanden, wählte er schließlich einen weniger provokativen Untertitel. Dennoch sehe er seine Prämisse immer deutlicher bestätigt, sagt Papakonstantinou heute: „Griechenland war der Kanarienvogel im Kohlebergwerk, in einer umfassenderen systemischen Krise der gesamten EU.“ Kanarienvögel wurden einst im Bergbau eingesetzt, weil sie viel schneller als Menschen auf die Ausbreitung von Kohlenmonoxid und anderen Giftgasen reagieren. Während Menschen die tödliche Gefahr noch nicht spüren, fallen sie schon tot von der Stange – und warnen so die Bergleute, sofort den Stollen zu verlassen, in dem sich Gas gebildet hat.

Die Eurozone ist heute eine andere

Griechenland also, sagt Papakonstantinou, sei der Kanarienvogel der Eurozone gewesen: „Was als Problem in einem peripheren Land an der südlichen Ecke Europas begann, wird heute als das anerkannt, was es wirklich war: ein Weckruf an das gesamte Europa, eine seiner größten Errungenschaften zu verteidigen und seine Konstruktionsfehler zu korrigieren.“ Damit stehe er nicht allein, sagt Papakonstantinou. Hat nicht auch Angela Merkel in jenem dramatischen Mai 2010 davon gesprochen, Griechenlands Misere drohe zu einer „systemischen Krise“ der Währungsunion zu werden und die Stabilität des Euros zu untergraben, weshalb das Rettungspaket „alternativlos“ sei? Hat nicht der damalige Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, davor gewarnt, angesichts der spekulativen Attacken gegen den Euro ließen sich Griechenlands Probleme nicht mehr isolieren?

Das Bild vom griechischen Kanarienvogel ist natürlich angreifbar, denn gerade in Nordeuropa wird Griechenland vor allem als Anlass für eine Kaskade ordnungspolitischer Sündenfälle gesehen, die langfristig erst recht die Stabilität des Euros bedrohen und in Deutschland für den ersten Höhenflug der AfD sorgten. Auch wäre Griechenland, wäre es wirklich der warnende Kanarienvogel gewesen, jetzt im übertragenen Sinne tot, also nicht mehr im Euro. Unumstritten ist allein, dass die Eurozone durch die griechische Krise nicht mehr ist, was sie bis 2010 war. Ob das gut ist oder schlecht, werden spätere Generationen zu entscheiden haben.

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