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Überschuldungskrise : Wie Griechenland den Euro rettete

Während Merkels Kassenwart vielen Südeuropäern und insbesondere den Griechen als harter Hund gilt, der eine „Restrukturierung“ der griechischen Schulden bis zuletzt zu verhindern suchte, ergibt sich aus Papakonstantinous Beschreibungen ein anderes Bild. Der Grieche schildert Schäuble als bisweilen zwar bis an die Grenze zur Beleidigung scharfzüngigen Politiker, der aber der Debatte oft um einen Schritt voraus war und Griechenland zumindest anfangs durchaus im Euro habe halten wollen.

So beschreibt Papakonstantinou auch ein Mittagessen mit Schäuble im Berliner Restaurant „Paris-Moskau“. Gerade noch hatte sich der deutsche Finanzminister nach den innenpolitischen Schwierigkeiten der immer stärker bedrängten Regierung in Athen erkundigt, als er plötzlich sagte: „George, die Schuldenvereinbarung wird nicht funktionieren. Wir brauchen einen wirklichen Schuldenschnitt. Vielleicht 50 Prozent oder so.“ Papakonstantinou erinnert sich: „Ich war sprachlos. Sobald wir uns verabschiedet hatten, rief ich den Premierminister an, um ihm mitzuteilen, was Schäuble mir gerade gesagt hatte.“ Papandreou hatte freilich selbst schon den Eindruck gewonnen, dass die Griechenland-Retter in Europa dabei waren, sich durchzusetzen. „Damit war der Rubikon überschritten. Im Endeffekt hatte die Eurozone das ,No-bailout‘-Prinzip fallengelassen“, beschreibt Papakonstantinou den ordnungspolitischen Stimmungswandel in Europa.

Laut dem ehemaligen griechischen Finanzminister Papakonstantinou rettete Griechenland den Euro.

Allerdings kam es dazu – und das ist ein anderes wiederkehrendes Element in Papakonstantinous Schilderungen – unter extremem Zeitdruck. Kein Wunder: Wenn das Schiff sinkt, ist es zu spät, in Ruhe die Bedienungsanleitung für die Rettungsboote zu lesen. Man kann dann nur darauf hoffen, dass sie funktionieren. Deshalb mussten die Protagonisten in der Euro-Krise immer wieder Entscheidungen treffen, deren mögliche Folgen sie nicht überblicken konnten. Papakonstantinou schildert zur Illustration einen Gipfel der europäischen Finanzminister im Mai 2010, als die Welt gebannt darauf schaute, ob die Europäer ihre Schwierigkeiten in den Griff bekommen oder die Griechen womöglich auch Portugiesen, Spanier, Italiener und damit die gesamte Eurozone mit in den Abgrund reißen würden: „Es war fast ein Uhr in der Früh, und wir hatten immer noch keine Vereinbarung. Es gab panische Stimmen, die bemerkten, dass die Börse in Sydney demnächst öffnen würde. Die Nachricht, dass Europa nicht in der Lage war, seine Probleme in den Griff zu bekommen, könnte einen potenziellen Dominoeffekt von Ost nach West auslösen. Aktienbörsen in aller Welt würden dem Beispiel folgen.“ Schließlich habe die damalige französische Finanzministerin Christine Lagarde das Wort ergriffen: „Bei allem Respekt für unsere Freunde in Australien, wir können die Börsenöffnung in Sydney überleben. Es geht eher um Tokio, das uns Sorgen bereiten sollte. Wir brauchen eine Vereinbarung, bevor die dortige Börse öffnet.“

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