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Überschuldungskrise : Wie Griechenland den Euro rettete

Immer wieder schildert Papakonstantinou, mit welcher Nervosität er und Papandreou dem Nachrichtenfluss folgten. Da berichtete das „Wall Street Journal“, in der Europäischen Zentralbank in Frankfurt kursiere ein vertrauliches Papier, in dem das Szenario des EU-Austritts eines nicht genannten Landes erörtert werde – schon sanken die Aussichten Griechenlands, sich an den Märkten Geld zu leihen. Die „Financial Times“ thematisierte die Kapitalflucht aus griechischen Banken – sofort stürzte die Athener Börse ab. Selbst als Papakonstantinou auf der elitären, als verschwiegen geltenden Bilderberg-Konferenz vage die Frage eines Schuldenschnitts für Griechenland anschnitt, wurde er von einem amerikanischen Teilnehmer zur Seite genommen und gewarnt, das Thema besser nicht öffentlich anzusprechen. „Eine Umstrukturierung der Schulden, in welcher Form auch immer, wurde weiterhin als ein Tabu betrachtet, sogar in solch einer vertraulichen Umgebung wie der Bilderberg-Konferenz“, wundert sich Papakonstantinou noch Jahre später.

Eine brodelnde mediale Gerüchteküche

Manchmal arbeitete die mediale Gerüchteküche freilich auch zum Vorteil Athens: Als die Nachrichtenagentur Reuters Anfang 2010 anonyme deutsche Regierungsquellen zitierte, laut denen Berlin „im Prinzip“ entschieden habe, Griechenland Geld zu geben, bewerteten die Kapitalmärkte Griechenland auf einen Schlag besser – nur um bei der nächsten negativen Nachricht wieder umso heftiger umzuschlagen. Das Kapital ist ein hysterisches Reh.

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Und mitunter offenbar ein schlecht informiertes. Zumindest nach dem, was Papakonstantinou über seinen ersten Besuch im Bundeskanzleramt gemeinsam mit Papandreou am 5. März 2010 schreibt. Demnach war die Entscheidung zur Griechenland-Hilfe zu dem Zeitpunkt eben keineswegs gefallen. „Die Kanzlerin wurde von Wolfgang Schäuble und einigen ihrer engsten Berater begleitet, inklusive Jens Weidmann, der später Präsident der Bundesbank werden sollte. Nachdem die Pressekonferenz hinter uns lag, waren alle darauf bedacht, eine ernsthafte Diskussion zu führen“, schreibt Papakonstantinou mit einem eleganten Seitenhieb auf den Medienbetrieb und zitiert Angela Merkel, die ihm und Papandreou gesagt habe: „Wolfgang und ich sind zu diesem Thema nicht einer Meinung.“ Die Kanzlerin habe gezögert und gefragt, wie lange Griechenland noch ohne Hilfe aushalten könne, doch Schäuble habe darauf gedrängt, ein Hilfspaket zu unterstützen oder der Europäischen Zentralbank zu erlauben, griechische Staatsanleihen zu kaufen. „2010 war es Schäuble, der eine zaudernde Kanzlerin davon überzeugte, das Unausweichliche zu akzeptieren: ein Rettungsprogramm für Griechenland. Es war sein Verdienst, dass sie ihre Vorbehalte hintanstellte“, erinnert sich Papakonstantinou.

Überhaupt, Schäuble. Immer wieder taucht Europas mächtigster Finanzminister in den Erzählungen seines ehemaligen griechischen Gegenparts auf. Als der damalige EU-Währungskommissar Olli Rehn im Februar 2011 auf einer Sitzung der Eurogruppe das inzwischen angelaufene griechische Rettungsprogramm vorsichtig lobte („Es ist weitgehend auf dem rechten Weg“), habe Schäuble zurückgefragt: „Was heißt hier, es ist weitgehend auf dem rechten Weg? Ist es das oder ist es das nicht?“ Dann habe er ausgesprochen, was sonst niemand zu erwähnen gewagt habe: „Wir müssen die Frage der Restrukturierung klären.“ Schäuble machte sich keine Illusionen darüber, dass Griechenland seine enormen Schulden nicht fristgerecht und vollständig würde zurückzahlen können.

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