https://www.faz.net/-gpf-6k0ak

Griechenlandkrise : Die Finsternishändler

Die Griechen demonstrieren gegen die rigiden Sparvorgaben Bild: dpa

Griechenland spart, besteuert und reformiert, doch der Erfolg ist keinesfalls gewiss. Es wäre die größte Reduzierung eines Budgetdefizits, die jemals von einem Mitglied der Eurozone in so kurzer Zeit unternommen wurde.

          Nicht erst seit der jüngsten Krise weiß man: Wirtschaftswissenschaftler und Finanzfachleute sind Fachleute für Voraussagen, die nicht eintreffen. Ein bunter Strauß von fundierten Fehlprognosen begleitet ihren Weg, und ständig kommt eine neue Blüte hinzu.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Gute Aussichten auf eine Aufnahme in die Annalen entgleister Prophezeiungen hat eine Einschätzung, die noch zur Jahreswende von den Gegnern jeglicher Finanzhilfen für Griechenland gleichsam im Stundentakt vorgebracht wurde: Wenn Athen Geld erhalte und damit das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit verletzt werde, ermutige das andere Wackelkandidaten, ihre unsolide Haushaltspolitik frohgemut fortzusetzen. Schließlich hätten die Prasser und Verschwender ja gesehen, dass ihnen die reichen Staaten der Eurozone zur Not immer beispringen werden.

          Die griechische Schmach als warnendes Beispiel

          Tatsächlich scheint das Athener Exempel aber eher das Gegenteil zu bewirken. Kein Regierender will sein Land einem Spardiktat aussetzen wie jenem, dem sich die Regierung Papandreou in Athen unterwerfen musste. Die Regierenden in Madrid, Lissabon und anderen ausgabefreudigen Hauptstädten führen ihren Bürgern die griechische Misere als warnendes Beispiel vor Augen: Seht nur, was mit Griechenland geschehen ist! Diese Schmach, dieser Verlust der nationalen Souveränität, droht auch uns, wenn wir nicht rechtzeitig sparen.

          Die Krise seines Landes ist vielen als warnendes Beispiel: Griechenlands Premierminister Papandreou

          Noch nicht entschieden ist das Schicksal einer anderen Voraussage – sie betrifft die Frage, ob Griechenland mit seinem radikalen, unter Aufsicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) ausgearbeiteten Modernisierungsprogramm Erfolg haben kann. Unter Fachleuten haben auch hier Pessimisten die intellektuelle Lufthoheit. Sie halten es für ausgemacht, das Griechenland früher oder später einen Staatsbankrott erleiden wird.

          Die wenigen Optimisten gelten, wie so oft, als naiv und intellektuell zweitrangig. EU-Kommissionspräsident Barroso führte die seltsame Neigung, Schwarzseher und Zyniker für die intelligenteren Menschen zu halten, in einem Gespräch mit dieser Zeitung unlängst auf „den intellektuellen Glanz des Pessimismus“ zurück. Der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg drückte einen ähnlichen Gedanken noch schöner aus, als er über einen urteilte, der wohl stets das Ende aller Zeiten kommen sah: „Er trieb einen kleinen Finsternishandel.“

          Ohne Wirtschaftswachstum nützt alles sparen nichts

          Allerdings müssen auch die Optimisten zugeben, dass die Finsternishändler im Falle Griechenlands viele Argumente auf ihrer Seite haben. Das Programm zur Modernisierung des griechischen Staates wird nur dann erfolgreich sein, wenn es von deutlichem Wirtschaftswachstum begleitet ist. Bleibt das aus, nützen all die Steuererhöhungen und Kürzungen nichts. Optimisten hoffen, dass Strukturreformen die griechische Wirtschaft von den Ketten befreien werden, die sich das Land über Jahrzehnte selbst angelegt hat.

          Das werde nicht viel ändern, sagen Pessimisten: Wo vorher außer Tourismus und Containerschifffahrt kaum etwas war, werde auch nachher nichts sein. Außerdem werde der Bevölkerungsrückgang Griechenland noch stärker als die meisten anderen alternden Gesellschaften Europas treffen, weil er mit der Abwanderung junger Leistungsträger verbunden ist.

          „Müssen auf Staatspleiten vorbereitet sein“

          Weitere Themen

          17-Jährige stirbt bei Explosion Video-Seite öffnen

          Westjordanland : 17-Jährige stirbt bei Explosion

          Während des Besuchs einer Quelle explodierte ein Sprengsatz und tötete eine 17 Jahre alte israelische Frau. Die palästinensische Organisation Hamas zeigte sich zufrieden, übernahm aber keine Verantwortung für den Tod.

          Konsulatsmitarbeiter in China freigelassen

          Hongkong : Konsulatsmitarbeiter in China freigelassen

          Aus Protest gegen die Regierung sind in der chinesischen Sonderverwaltungszone abermals Tausende auf die Straße gegangen. Unterdessen ließ China einen Mann frei, der zwei Wochen zuvor ohne Lebenszeichen verschwunden war.

          Topmeldungen

          Die Pläne der Senderführung beim HR sind ein Misstrauensvotum gegen die eigenen Mitarbeiter.

          Kurs des Hessischen Rundfunks : Weniger Kultur wagen?

          Beim Hessischen Rundfunk soll das Radio-Kulturprogramm hr2 nach dem Willen der Senderführung verschwinden. Die Argumentation für diesen Schritt ist typisch. Sie zeugt von Verachtung – für die Kultur, die Mitarbeiter und die Beitragszahler.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.