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Ende der Griechenland-Hilfen : Das schwächste Glied in der Eurokette

Symbolischer Auftritt: Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou 2010 bei seiner Ansprache auf Kastellorizo. Bild: AP

Nach fast achteinhalb Jahren internationaler Aufsicht und drei Hilfsprogrammen gewinnt Griechenland seine finanzielle Unabhängigkeit zurück – zumindest ein wenig.

          Es war eine Kulisse wie gemalt: Am 23. April 2010 stand Giorgos Papandreou, das blau glitzernde Mittelmeer hinter sich und den wolkenlosen Himmel über sich, an der Promenade der griechischen Insel Kastellorizo und wandte sich an sein Volk. Der griechische Ministerpräsident hielt die wohl folgenreichste Rede seines Lebens – auch wenn die Folgen selbst dann eingetreten wären, wenn er kein Wort gesagt hätte. Papandreou gab sich kämpferisch. „Unsere Inspiration, unser Glauben an dieses Land, von Kastellorizo bis Korfu, von Kreta bis Evros, sie liegen in diesem wunderbaren Volk, in unserer Jugend mit all ihren Fähigkeiten und Hoffnungen“, sagte er, während im Hintergrund ein Fischerboot vorbeituckerte.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Doch Griechenlands Regierungschef in dritter Generation hatte eine schwere Nachricht zu überbringen. Die einige Monate zuvor abgewählte Regierung von Ministerpräsident Kostas Karamanlis und seiner konservativen Nea Dimokratia habe ein „sinkendes Schiff“ verlassen, so Papandreou. Es sei nun leider eine „nationale Notwendigkeit“, finanzielle Hilfe bei der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zu beantragen.

          Hartes Programm aus Kürzungen und Reformen

          Mit anderen Worten: Griechenland war pleite. Die Anleger glaubten nicht mehr, dass Athen seine riesigen Staatsschulden je werde zurückzahlen können. Sie liehen den Griechen kein neues Geld mehr. Der IWF und nach anfänglichem Zögern auch die übrigen Staaten der Eurozone waren zwar bereit einzuspringen, aber nur gegen ein hartes Programm aus Ausgabenkürzungen und Strukturreformen. Über dessen Details, das war klar, würden nicht gewählte griechische Politiker entscheiden, sondern ausländische Finanzfachleute.

          Tatsächlich waren die Exekutoren der Europäischen Kommission, des IWF sowie der Zentralbank der Eurozone schon zwei Tage vor Papandreous Auftritt auf Kastellorizo nach Athen gekommen, um die erste Rosskur dieser Art vorzubereiten. Griechenland stehe am Beginn einer neuen Odyssee, gestand Papandreou seinen Landsleuten zwei Tage später, endete aber hoffnungsvoll: „Wir kennen den Weg nach Ithaka.“ Ithaka, das ist die mythische Heimatinsel von Homers Odysseus, die vor der Westküste Griechenlands auch ganz real existiert. Eigentlich hätte Papandreou seine Ansprache also auch dort halten können.

          „Dies war ein historischer Augenblick“

          In seinem Buch „Game over“ schildert Giorgos Papakonstantinou, der Finanzminister in jenen dramatischen Tagen, wie es stattdessen zu der Szene auf Kastellorizo kam. Am Vortag hatten Papandreou und er nach einer Kabinettssitzung beschlossen, dass der Hilfsantrag sofort gestellt werden müsse, denn die Lage des Landes wurde mit jedem Tag dramatischer.

          „Wir standen eine Weile schweigend da. Dies war ein historischer Augenblick, das fühlten wir beide“, erinnert sich der damalige Finanzminister und schreibt: „Für den folgenden Tag hatte Papandreou einen offiziellen Besuch auf Kastellorizo geplant, einem Inseljuwel in der Ägäis, am östlichen Rand des griechischen Territoriums, einen Steinwurf von der Türkei entfernt. Er besprach sich mit seinen Beratern, ob es nicht besser sei, die Reise zu verschieben und die Ankündigung von Athen aus zu machen. Schließlich entschied er sich dagegen. Ihm gefiel die Symbolik, diese folgenreiche Ankündigung von der am weitesten entlegenen griechischen Insel zu machen.“

          Während Papandreou auf Kastellorizo seine emotionale Rede hielt, verfasste Papakonstantinou in Athen in weitaus schlichteren Worten das griechische Hilfsersuchen an die Geldgeber. Es folgte das erste Hilfsprogramm für Griechenland, das mit einem Volumen von 110 Milliarden Euro eigentlich das einzige bleiben und das Land nach eineinhalb Jahren wieder an die Kapitalmärkte zurückführen sollte.

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