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Griechenland : Widerstand gegen das Vierte Reich

Wachsenden Ressentiments gegen Deutschland Bild: dpa

Mit antideutschen Parolen profitiert eine griechische Partei vom verletzten Stolz der Wähler. Nur einen Monat nach der Gründung könnte ihr schon der Einzug in das nächste Parlament gelingen.

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          Es war nur eine Frage der Zeit, bis in der gärenden politischen Landschaft Griechenlands ein Politiker auf die Idee kommen würde, die wachsenden Ressentiments gegen Deutschland und die Deutschen nicht allein in demagogischen Reden einzusetzen, sondern sie zum politischen Programm zu machen. Diese Zeit ist nun gekommen. Personifiziert wird sie von Panos Kammenos, der bis zum November vergangenen Jahres ein Parlamentsabgeordneter der konservativen Volkspartei Nea Dimokratia (ND) war. Kammenos verkörperte den rechten (je nach Sichtweise auch nationalistischen) Rand der Partei.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          In seiner Ablehnung der von der EU und dem Internationalen Währungsfonds geforderten Sparpolitik befand er sich in voller Übereinstimmung mit ND-Parteichef Antonis Samaras - bis dieser sich unter dem Druck der Ereignisse doch noch zur Unterstützung des Not-Ministerpräsidenten Lukas Papademos durchrang. Als Kammenos sich im November 2011 bei der Abstimmung im Parlament weigerte, der Regierung Papademos sein Vertrauen auszusprechen, ließ Samaras ihn aus der Fraktion ausschließen. Einige Wochen später verließ der Renegat von sich aus auch die Partei, um die Gründung einer eigenen vorzubereiten.

          „Unabhängige Griechen“ („Anexartitoi Ellines“) heißt die neue Gruppierung, und obwohl sie kaum einen Monat alt ist, wird ihr womöglich aus dem Stand der Einzug in das nächste Parlament gelingen, in dem bis zu zehn Parteien vertreten sein könnten. Mehr als sechs, in einigen Umfragen sogar acht Prozent der Befragten geben an, für die „Unabhängigen Griechen“ stimmen zu wollen.

          Anti-Memorandums-Partei

          In ihrer Gründungsdeklaration definiert sich die neue Kraft als „Anti-Memorandums-Partei“. Damit wissen die griechischen Wähler zwar noch nicht, wofür die Partei steht, aber immerhin, wofür sie nicht steht: Die Bezeichnung „Memorandum“ hat in Griechenland den Charakter eines Unworts angenommen, das zur Chiffre für Strukturreformen, Rentenkürzungen und sonstige Sparmaßnahmen geworden ist. Unter der Losung „Wir sind viele. Wir sind unabhängig. Wir sind Griechen“ würzt Kammenos seine Auftritte mit einer kräftigen Prise antideutscher Ressentiments.

          Auf dem Gründungsparteitag von Anexartitoi Ellines forderte er ein „nationales Erwachen“ und einen „Aufstand“ gegen die Sparforderungen, letztlich aber vor allem gegen die Deutschen: „Wir haben sie im Krieg geschlagen. Wir werden sie auch in dem Vierten Reich wieder schlagen, das sie durchzusetzen versuchen.“ In einem Zeitungsinterview sagte Kammenos dieser Tage, für ihn gebe es nur zwei Lager: jenes, das Griechenlands Souveränität aufzugeben bereit sei, und jenes, dessen Anhänger sich dagegen wehren, Griechenland „dem Diktat eines deutschen Europas auszuliefern“.

          Dass die Gründungsversammlung der „Unabhängigen Griechen“ in Distomo stattfand, war sozusagen ein symbolischer Wink mit dem Zaunpfahl. Obwohl der Ort nur etwa 2.000 Einwohner hat, kennt ihn in Griechenland jedes Schulkind. Im Sommer 1944 beging eine SS-Einheit dort ein Massaker und tötete mehr als 200 Einwohner in einer ihrer berüchtigten „Sühneaktionen“. Opfer solcher Gewaltakte wurden regelmäßig auch Zivilisten, deren einzige „Schuld“ darin bestand, dass sich in der Nähe ihres Dorfes ein Angriff auf deutsche Truppen ereignet hatte. Kammenos hätte auch andere Orte auswählen können: Kalavryta zum Beispiel, wo eine Wehrmachtseinheit im Dezember 1943 mehr als 600 Männer erschoss. Oder Komeno, wo im Sommer 1943 mehr als 300 Männer, Frauen und Kinder Opfer der Deutschen wurden.

          Panos Kammenos ist der Gründer der „Unabhängigen Griechen“. Er war bis zum November vergangenen Jahres ein Parlamentsabgeordneter der konservativen Volkspartei Nea Dimokratia und verkörperte deren rechten Rand. Er wurde aus der Fraktion ausgeschlossen, als er sich weigerte Papademos in der Krise sein Vertrauen auszusprechen

          Die Forderungen nach Entschädigungszahlungen, wie sie von Kammenos (und im Prinzip auch von der Regierung in Athen) erhoben werden, lassen sich nicht in allen Fällen einfach als Wahlkampfgetöse vom Tisch wischen. Dass Griechenland als Folge der deutsch-italienisch-bulgarischen Besatzung nicht nur einen entsetzlichen Blutzoll bezahlen musste, sondern auch wirtschaftlich stark gelitten hat, ist unstrittig. Der deutsche Historiker Hagen Fleischer, dessen vor einem Vierteljahrhundert erschienenes Buch „Im Kreuzschatten der Mächte“ weiterhin ein Standardwerk zur Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg ist, zitiert aus Unterlagen der deutschen Truppen, laut denen zusätzlich zu den etwa 60.000 nach Auschwitz deportierten griechischen Juden allein zwischen Juni 1943 und September 1944 mehr als 25.000 Griechen getötet wurden. Begonnen hatte die Besatzung im April 1941, doch zum Ende hin steigerten sich die Übergriffe. In den letzten vier Monaten wurden statistisch mehr als 90 Griechen pro Tag erschossen.

          Bei ihrem Abzug im Herbst 1944 hinterließen die Soldaten aus Deutschland und Österreich ein zerstörtes Land. Fleischer beschreibt die Lage 1944/1945 so: „Jeder dritte Grieche leidet an epidemischen Infektionskrankheiten (Malaria, Tuberkulose, Typhus); in manchen Regionen sind 60 bis 70 Prozent betroffen, insbesondere Kinder. Kaum zu berechnen sind die Verluste durch die Hyperinflation sowie die Zerstörung der Infrastruktur als Folge raubwirtschaftlicher Ausbeutung (Bergwerke, Wälder, etc.) und systematischer Vernichtung bei Sühnemaßnahmen oder während des Abzugs. Die meisten Eisenbahnbrücken gesprengt, weit über 80 Prozent des rollenden Materials ruiniert oder entführt; 73 Prozent der Handelstonnage versenkt, fast 200.000 Häuser total oder zum Teil zerstört.“

          Bonn zahlte laut einer Vereinbarung aus dem Jahr 1960 zwar 115 Millionen Deutsche Mark als „Wiedergutmachung“ für griechische Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Dass Berlin es bis heute ablehne, weitere griechische Forderungen auch nur zu diskutieren, nennt Fleischer allerdings „machtpolitisch und ökonomisch verständlich, denn selbst die immer noch prosperierende deutsche Wirtschaft wäre überfordert, müsste sie alle Ansprüche der einstigen Kriegsgegner befriedigen“. Zudem haben internationale Gerichte Deutschlands Position mehrfach gestärkt. Im Juli vergangenen Jahres entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass die Nachkommen der Opfer von Distomo von Deutschland keine Entschädigung verlangen können, da Privatpersonen zwar als Verfolgte des NS-Regimes Schadensersatz fordern dürfen, nicht aber als Opfer von Kriegshandlungen.

          Für großes Aufsehen sorgte auch ein Urteil des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag im Februar, laut dem Deutschland nicht zur Zahlung einer Wiedergutmachung an einzelne Opfer deutscher Kriegsverbrechen verpflichtet sei. Deutschland hatte gegen Italien geklagt, weil italienische Gerichte Opfern des Distomo-Massakers Entschädigungszahlungen zugesprochen hatten. Laut (nicht nur) deutscher Auffassung widerspricht es dem Grundsatz der Immunität von Staaten, wenn ein Staat über einen anderen zu Gericht sitzt.

          Ein gänzlich anderer Fall betrifft hingegen die deutsche Zwangsanleihe bei der griechischen Nationalbank. Hier geht es nicht um Reparationen, sondern um die Rückzahlung einer Anleihe, die sogar von Hitlers Deutschland als verpflichtend anerkannt worden war. Noch Anfang 1945 bezifferten Fachleute der Reichsbank in Berlin die Höhe der Schuld des deutschen Reiches gegenüber Griechenland auf 476 Millionen Mark. Fleischer nennt das eine „moderate Schätzung“ und fügt hinzu: „Von dieser Basis aus könnten Verhandlungen in einer Form geführt werden, die keinen Präzedenzfall für andere Staaten darstellt. Zugleich wäre damit dem absurden Zustand ein Ende gesetzt, dass (...) die Vertreter des NS-Regimes eine Schuld Deutschlands anerkannten, die von der demokratisch gewählten und bestätigten Regierung der Bundesrepublik, dem völkerrechtlichen Nachfolger des Deutschen Reiches, bis heute ignoriert wird.“ Ob es politisch angebracht ist, dieses Thema losgelöst von der deutschen Unterstützung für Griechenland in den vergangenen beiden Jahren zu betrachten, ist jedoch eine andere Frage.

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