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Griechenland : Schlupfloch ins Wohlstandsparadies

In manchem griechischen Aufnahmelager herrschen unmenschliche Bedingungen Bild: dpa

Griechenland bekommt bei der Überwachung seiner Grenze zur Türkei Hilfe von EU-Grenzschützern. Mehr als 80 Prozent der illegalen Einwanderer reisen über Griechenland in die EU ein. Athen ist mit dem Ansturm völlig überfordert.

          3 Min.

          Nein, diesmal geht es nicht um Geld. Zumindest nicht allein. Es geht um Frontex. So heißt eine EU-Behörde, deren Aufgabe es ist, die 27 Mitgliedstaaten beim Schutz ihrer Grenzen zu unterstützen. Die Aufmerksamkeit gilt vor allem den Außengrenzen der EU – und damit Griechenland, dessen Grenzen das am häufigsten frequentierte Einfallstor illegaler Einwanderer auf dem Weg nach Europa sind.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Laut Frontex finden inzwischen weit über die Hälfte aller illegalen Grenzübertritte in die EU auf griechischem Territorium statt. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden dort etwa 45.000 illegale Einwanderer festgenommen. Wie viele unentdeckt durch die Maschen der europäischen Grenzen geschlüpft sind, lässt sich naturgemäß nicht sagen.

          Inseln als bevorzugtes Etappenziel

          Also die bekannte Leier – ein Versagen des griechischen Staates? Nicht nur, denn Griechenland ist auch geographisch ein im Wortsinne exzentrisches Mitglied der EU. Anders als zum Beispiel Deutschland, das seit dem Beitritt Polens nur an andere EU-Staaten sowie an die Schweiz grenzt, gehören die meisten Nachbarn Griechenlands noch nicht zum Brüsseler Club: Albanien, Mazedonien und die Türkei. Einzigartig am griechischen Grenzverlauf ist auch die griechische Inselwelt, die aus 3500 Eilanden besteht, von denen 62 besiedelt sind.

          Die griechischen Inseln sind ein bevorzugtes Etappenziel von Füchtlingen aus Afghanistan oder Somalia

          Auf einigen Inseln harren nur noch wenige hundert Einwohner aus. Auf Marathi, der kleinsten, sind es noch drei. Diese Inseln sind seit langem ein bevorzugtes Etappenziel von Elendsflüchtlingen aus Länden wie Afghanistan oder Somalia. Sie gehen nachts an Land oder warten, bis ein Schiff der griechischen Küstenwache in Sicht kommt und lassen die Luft aus ihren Schlauchbooten, um sich bei den Behörden als Schiffbrüchige ausgeben zu können.

          Seit die Seegrenze, auch dank Athens Zusammenarbeit mit Frontex, etwas besser gesichert wird, haben die Heerscharen der Verzweifelten ein neues Schlupfloch ins Wohlstandsparadies aufgetan: den griechisch-türkischen Grenzfluss Evros in Thrakien. Er trennt Europa vom Rest der Welt, deren Hoffnungslose unter Lebensgefahr versuchen, ihn von Ost nach West zu überqueren. Derzeit sollen mehr als dreihundert Flüchtlinge Tag für Tag das Wagnis eingehen. Nicht selten gibt der Evros Leichen von Ertrunkenen frei, die ihre Kraft oder ihre Boote überschätzt haben.

          Unmenschliche Bedingungen

          Doch selbst jene, die es schaffen, sind noch lange nicht an ihrem Ziel, also in den reichen Staaten Nordwesteuropas. Griechenland ist nur als Zwischenaufenthalt gedacht, wird für Aufgegriffene aber oft zur höllischen Endstation. In manchem griechischen Aufnahmelager herrschen unmenschliche Bedingungen. Deshalb prüft das Bundesverfassungsgericht jetzt, ob es rechtens ist, dass Asylbewerber, die sich nach Deutschland durchgeschlagen, aber in Griechenland zuerst europäischen Boden betreten haben, dorthin zurückgeschickt werden dürfen.

          Formal, laut der sogenannten Dublin-II-Verordnung aus dem Jahr 2003, ist nichts daran auszusetzen. Sie legt fest, dass der EU-Mitgliedstaat, in den der Flüchtling zuerst eingereist ist, auch dessen Asylantrag zu prüfen hat. Angesichts der Zustände in völlig überfüllten und unzureichend versorgten griechischen Aufnahmelagern mehren sich aber die Zweifel, dass es mit den in Europa geltenden Vorstellungen vom Umgang mit Menschen vereinbar ist, einen illegalen Einwanderer den Behörden Griechenlands auszuliefern.

          Loch in der Schengener Mauer

          Doch es ist allzu billig, den Griechen die Alleinschuld an der Misere zuzuschieben. Das kleine Land kann nicht die Hauptlast des Kampfes tragen, den das Bollwerk Europa gegen jene führt, die sich einen Zugang zu seinem Überfluss erkämpfen wollen. Deshalb ist es richtig, dass Griechenland am Evros künftig durch europäische Grenzschutzeinheiten unterstützt wird. Ob die 200 Grenzschützer, die zunächst entsandt werden sollen, dieser Aufgabe gewachsen sind, steht auf einem anderen Blatt – zumal womöglich auch Bulgarien in Zukunft ähnliche Hilfe benötigen wird. Noch gehört der 2007 der EU beigetretene Balkanstaat nicht der Schengenzone an, doch das wird wohl kommen.

          Nach der griechisch-türkischen könnte dann die bulgarisch-türkische oder die bulgarisch-griechische Grenze zu einem neuen Loch in der Schengener Mauer werden. Das wäre ein zynischer Treppenwitz der Geschichte, denn als sich der Eiserne Vorhang noch durch Europa zog, versuchten Menschen unter Einsatz ihres Lebens, die bulgarische Grenze in umgekehrter Richtung zu überqueren. Es waren DDR-Bürger, die über Griechenland oder die Türkei nach Westdeutschland gelangen wollten. Viele wurden, die Freiheit vor Augen, von bulgarischen Grenzsoldaten entdeckt, manche an Ort und Stelle hingerichtet.

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