https://www.faz.net/-gpf-6xmqy

Griechenland : Eine zweitrangige Prinzessin für den Deutschen

Adonis Georgiadis, der stellvertretende Wirtschaftsminister Griechenlands Bild: REUTERS

Adonis Georgiadis ist Regierungsmitglied der rechtsradikalen Partei Laos. In Athen erklärt er seinen Landsleuten, weshalb Deutschland sich den Griechen seit jeher unterlegen fühlt - und wie sein schraubstockartiger Nationalismus die EU zerstören wird.

          5 Min.

          Wir sind zu spät, der Minister hat schon angefangen. Die Veranstaltung findet im großen Saal im ersten Stock des Hotels statt, aber man kann den Minister auch von der Lobby im Erdgeschoss aus hören. Er hält seine Rede nicht, er bellt sie. Also immer dem Lärm nach. Im Saal etwa 350 Zuhörer, vielleicht auch 400. Die Veranstalter hatten mindestens 500 erwartet, und die wären wohl auch gekommen, aber ausgerechnet an diesem Tag haben unheilvolle Wolken das angestammte Blau vom Himmel über Athen verdrängt. Den ganzen Nachmittag über hatte sich ein Gewitter angekündigt, das dann auch tatsächlich kam. Der Wolkenbruch und der Streik im öffentlichen Nahverkehr hielten viele davon ab, in die Innenstadt zu kommen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Doch auch so ist die Stimmung bestens. Gemischtes Publikum, alle Altersklassen, deutlich mehr Männer als Frauen allerdings. Es spricht Adonis Georgiadis, der stellvertretende Wirtschaftsminister Griechenlands. Er weiß, wie man einen Saal im Sturm erobert. Wenige Tage zuvor hatte Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis, ein freundlicher, kultivierter Mann, dieser Zeitung ein Interview voller selbstkritischer Töne gegeben. Sein Stellvertreter spricht aber für das heimische Publikum.

          Das hört sich dann so an: „Leider haben wir viele Fehler gemacht. Aber auch Europa hat viele Fehler gemacht. Europa befindet sich in einem historischen Schraubstock. Dieser historische Schraubstock ist der neue deutsche Nationalismus. Europa befindet sich auf einem Tiefpunkt in diesem Schraubstock. Der deutsche Nationalismus wird sich als schicksalhaft erweisen für das Bestehen der Europäischen Union! Nicht nur wegen der Art und Weise, wie er sich in Griechenland äußert, sondern auch für alle anderen und für den ganzen Süden. Habt keinen Zweifel daran, dass, wenn Deutschland auf diese Weise weitermacht, in Kürze die EU Vergangenheit sein wird! Leider lernen die Deutschen nicht aus ihren Fehlern. Und allgemein lernt der Westen nichts aus seinen Fehlern. Wir bezahlen heute dafür, was sich in das kollektive deutsche Unterbewusstsein eingeschrieben hat.“

          Streikende verbrennen in der vergangenen Woche eine deutsche Flagge

          An dieser Stelle erwarten die meisten Zuhörer wahrscheinlich einen Verweis auf das zwanzigste Jahrhundert, doch das ist weit gefehlt. Der Minister ist nämlich Historiker, und um seinen Zuhörern das kollektive Unterbewusstsein der Deutschen zu veranschaulichen, nimmt er sie mit ins zehnte Jahrhundert nach Christus, als der „deutsche“ König Otto II. einen Kardinal als Abgesandten nach Byzanz schickte mit dem Auftrag, beim „griechischen“ Kaiser Nikephoros Phokas um die Hand einer byzantinischen Prinzessin anzuhalten.

          Nikephoros Phokas sei außer sich gewesen über die Unverschämtheit und habe den Kardinal ins Gefängnis werfen lassen, sagt der Minister, um dann drei Sätze lang mit veränderter Intonation die Rolle des byzantinischen Kaisers zu übernehmen: „Was für ein unglaublicher Affront! Otto ist kein Kaiser, sondern ein einfacher Führer eines Barbarenstammes. Kaiser gibt es nur einen.“

          Der Auftritt des Ministers als Kaiser gefällt den Leuten. Die Zuhörer applaudieren. Die Erklärung, dass die Deutschen seit diesem Vorfall einen nationalen Minderwertigkeitskomplex den Griechen gegenüber empfinden und ihnen nun, wenn auch mit mehr als tausendjähriger Verspätung, in Gestalt von Angela Merkel einen Racheengel geschickt haben, kommt an. Der Minister spürt, wie die Menge mitgeht. Er berauscht sich an den eigenen Sätzen. Nikephoros II. habe dann schließlich doch noch nachgegeben, sagt Herr Georgiadis, nun nicht mehr als Kaiser, sondern wieder als stellvertretender Minister.

          Der byzantinische Kaiser habe Otto „eine unbedeutende Prinzessin“ als künftige Ehefrau geschickt. Sie hieß Theophano und war keine „Purpurgeborene“, also nicht in jener angeblich mit Porphyrgestein ausgekleideten Kammer des großen Palastes von Konstantinopel zur Welt gekommen. Aber selbst als Byzantinerin zweiter Klasse war sie den deutschen Barbaren selbstverständlich noch überlegen: „Theophano brachte den Deutschen bei, mit Messer und Gabel zu essen“, sagt der Minister.

          Weitere Themen

          Kein „Tschernobyl-Moment“

          FAZ Plus Artikel: Coronakrise : Kein „Tschernobyl-Moment“

          Chinas Führung kämpft gegen unliebsame Informationen über das Coronavirus. Jetzt hat Staatschef Xi gesprochen. Das zeigt, dass die Lage ernst ist. Problem: Wenn Xi im Spiel ist, muss alles besser werden – zumindest offiziell.

          Ein Stück vom Erfolgskuchen

          Hamburger SPD : Ein Stück vom Erfolgskuchen

          Der Sieg von Peter Tschentscher gibt den Sozialdemokraten Auftrieb. Doch leicht werden die Koalitionsverhandlungen in der Hansestadt nicht, die Grünen wollen ihr gutes Ergebnis in Einfluss verwandeln.

          Topmeldungen

          Coronakrise : Kein „Tschernobyl-Moment“

          Chinas Führung kämpft gegen unliebsame Informationen über das Coronavirus. Jetzt hat Staatschef Xi gesprochen. Das zeigt, dass die Lage ernst ist. Problem: Wenn Xi im Spiel ist, muss alles besser werden – zumindest offiziell.
          Offenbar gehört der Mensch doch nicht sich selbst, jedenfalls nicht im Sinne eines frei verfügbaren Eigentumsverhältnisses zum eigenen Körper.

          Organspende-Entscheidung : Wem der Mensch gehört

          Das Parlament hat die Organspende unlängst im Sinne der erweiterten Zustimmungslösung geregelt. Aber was wurde damit eigentlich genau entschieden? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.