Griechenland : Der 400-Millionen-Euro-Mythos
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In der Phantasie vieler Griechen verdient Deutschland sich an der Rettung ihres Landes dumm und dämlich Bild: dapd
Viele Griechen glauben, dass Deutschland an den Rettungspaketen für ihr Land gut verdient - und im Wahlkampf werden sie von Politikern darin bestärkt.
Wer in diesen Wochen als Deutscher in Griechenland unterwegs ist, wird einem Gespräch über die Schuldenmalaise schwerlich entgehen. Häufig taucht in solchen Gesprächen ein in Frageform verkleideter Vorwurf auf: Wie es Deutschland eigentlich verantworten könne, aus der finanziellen Not Griechenlands auch noch Kapital zu schlagen? So oder ähnlich fragen der Bürgermeister der thrakischen Provinzstadt, der Sitznachbar im Zug, der Hotelbesitzer, der Tankwart oder der ehemalige Gastarbeiter, mit dem man zufällig ins Gespräch geraten ist. Die erstaunte Nachfrage, woher diese Überzeugung stamme, wird sinngemäß ungefähr so beantwortet: Deutschland könne sich schließlich zum Nulltarif Geld an den Finanzmärkten beschaffen, gebe das Geliehene aber nur zu einem Wucherzinssatz an Griechenland weiter. So erwirtschafte Berlin viele hundert Millionen, in der Phantasie besonders kühner Gesprächspartner sogar mehrere Milliarden Euro Gewinn pro Jahr.
Das ist keine obskure Minderheitenmeinung, sondern die feste Überzeugung vieler Griechen. Sie stammt aus der Boulevardpresse, aber auch von der politischen Führung des Landes. Kein Geringerer als Evangelos Venizelos, bis vor kurzem Finanzminister sowie stellvertretender Regierungschef Griechenlands und inzwischen Spitzenkandidat der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok) für die Parlamentswahl am 6. Mai, behauptete in einem im „Spiegel“ erschienenen Interview, der deutsche Steuerzahler profitiere „von der guten Geldanlage“ Berlins: „Der deutsche Finanzminister kann sich fast kostenlos Geld leihen und gibt es für ein paar Prozent Zinsen an uns weiter. Deutschland hat in den vergangenen zwei Jahren bereits rund 400 Millionen Euro an uns verdient.“
Ein Finanzfachmann der EU-Kommission staunt über diese Aussage: „Man sollte von einem ehemaligen Finanzminister erwarten dürfen, dass er unterscheiden kann zwischen Zinseinnahmen, Zinsaussetzungen, Zinsstreckungen, einem Rückzahlungsmoratorium und dem Sondereffekt des Schuldenschnitts, der erhebliche Auswirkungen auf die Bilanzen von Griechenlands Partnerstaaten in der Eurozone hat.“ In Wirklichkeit fällt die bisherige Bilanz der Versuche, Griechenland vor dem Staatsbankrott zu retten, nämlich etwas anders aus. Deutschland zahlt auf den Kapitalmärkten derzeit zwar tatsächlich nur einen historisch niedrigen Zinssatz bei der Kreditaufnahme und profitiert damit von der allgemeinen Unsicherheit an den Finanzmärkten.
Während andere Staaten der gemeinsamen Währungszone nur gegen hohe Zinsen Geld erhalten, gelten deutsche Staatsanleihen als sicher. Für zehnjährige Staatsanleihen muss die Bundesrepublik derzeit etwa 1,6 bis 1,7 Prozent Zinsen zahlen. Rechnet man die Geldentwertung ein, die in Deutschland derzeit zwischen 1,9 und 2,1 Prozent im Jahr liegt, ist das ein gutes Geschäft für Berlin. Wer der Bundesrepublik für ein Jahrzehnt Geld leiht, bekommt am Ende weniger zurück, als er eingesetzt hat.
Es stimmt auch, dass Griechenland für das Geld, das es von seinen europäischen Partnern zur Rettung vor dem Staatsbankrott bekommt, Zinsen an Berlin und die anderen Hauptstädte gezahlt hat. Bis Ende 2011 überwies Athen laut Berechnungen des Finanzministeriums in Berlin etwa 380 Millionen Euro Zinsen an Deutschland - also tatsächlich fast die Summe, die Venizelos genannt hat. Die Überweisungen waren die Folge des ersten Griechenland-Hilfspakets vom Mai 2010 im Umfang von 110 Milliarden Euro. Die Bundesrepublik hat Griechenland dabei allein über bilaterale Darlehen etwa 15,2 Milliarden Euro geliehen.