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Ein Jahr mit Greta Thunberg : „Mir ist es egal, ob ich beliebt bin“

Greta Thunberg im April im Europäischen Parlament in Straßburg Bild: Reuters

Vor gut einem Jahr streikte Greta Thunberg zum ersten Mal vor dem Parlament in Stockholm. Was sich seitdem getan hat – und wie aus Thunberg sowohl Umweltikone als auch Hassobjekt wurde: ein Rückblick.

          Am 20. August 2018 setzt sich Greta Thunberg vor den schwedischen Reichstag in Stockholm. Auf ihrem Pappschild steht in schwarzen Großbuchstaben: „Skolstrejk för klimatet“, Schulstreik für das Klima. Seitdem ist viel passiert: Was mit dem stillen Protest einer Fünfzehnjährigen begann, ist zu einer globalen Bewegung mit dem Namen „Fridays for Future“ geworden, die Hunderttausende junge Menschen auf die Straßen zieht. Das Mädchen hinter der Bewegung indes erfährt von der Öffentlichkeit sowohl bedingungslose Bewunderung als auch abgrundtiefen Zorn – Thunberg polarisiert.

          Innerhalb von einem Jahr hat die junge Schwedin mit den von ihr angestoßenen Freitagsprotesten wesentlich dazu beigetragen, dass der Klimawandel eine zunehmend bedeutende Rolle im gesellschaftlichen und politischen Diskurs einnimmt. Sie trifft sich mit Persönlichkeiten wie Papst Franziskus, dem UN-Generalsekretär António Guterres oder dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama, erhält Preise und wird vom amerikanischen Magazin „Times“ zu den 100 wichtigsten Persönlichkeiten des Jahres 2019 gekürt.

          Die Beliebtheit der jungen Frau mit den Flechtzöpfen erstreckt sich mittlerweile bis in die Popkultur: Im Juli veröffentlicht die Indierock-Band „The 1975“ das Intro zu ihrem neuen Album, auf dem Greta Thunberg zu hören ist. Darin ruft Thunberg dazu auf, etwas „gegen das Versagen vorheriger Generationen“ zu unternehmen. Sie selbst verkündet im Mai, ein Jahr lang Schulbank gegen Klimakonferenz-Podien auszutauschen. Während zudem mehrere großflächige Greta-Graffitis auf Hauswänden auftauchen, veröffentlicht der Verlag Penguin Books eine Sammlung ihrer Reden, die unter dem Titel „No One Is Too Small To Make A Difference“ („Niemand ist zu klein, um einen Unterschied zu machen“) erscheint.

          Greta Thunberg reist im August 2019 an Bord der „Malizia II“ über den Atlantik. Bilderstrecke

          Eine dieser vielfach zitierten Reden hält die junge Schwedin im April 2019 im Europäischen Parlament in Straßburg. Zu diesem Zeitpunkt ist Thunberg bereits ein bekanntes Gesicht, und einiges hat sich seit Beginn ihres Schulstreiks geändert, doch genug ist ihr das noch nicht: „Ich habe das Gefühl, dass sich die Debatte verschoben hat. Immer mehr Leute reden darüber oder nehmen den Protest ernst. Aber natürlich müssen wir vor allem auf die Emissionsbegrenzungen schauen. Denn es geht nur darum, ob die Emissionen zunehmen oder abnehmen. Und im Moment steigen sie. Das ist das Einzige, worauf wir schauen sollten.“ Sie beklagt vor den Abgeordneten, es habe bereits mehrere Krisensitzungen zum Brexit gegeben, jedoch keine einzige zum Klimawandel. Das Publikum scheint beeindruckt – Thunberg erhält stehende Ovationen. Im selben Monat trifft Thunberg während einer Generalaudienz im Vatikan zudem auf Papst Franziskus.

          Auch in Deutschland nimmt Greta Thunberg an „Fridays for Future“-Protesten teil – und wird gefeiert wie ein Popstar. 25.000 Menschen kommen im März vor dem Brandenburger Tor in Berlin zusammen, um Thunberg sprechen zu hören: „Wir sollten Panik bekommen, und damit meine ich nicht, dass wir herumrennen und schreien sollen, sondern dass wir uns aus der Komfortzone herausbewegen sollen. Wenn man in einer Krise ist, verändert man sein Verhalten“, sagt sie dort. Im Anschluss besucht sie gemeinsam mit der jungen Klimaaktivistin Luisa Neubauer das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, um sich mit Wissenschaftlern zu treffen. Die Wissenschaft scheint im Übrigen auf der Seite der jungen Klimaaktivisten zu stehen: Rund 26.800 Wissenschaftler unterzeichnen im März die Petition „Scientists for Future“ und beschreiben die Anliegen der „Fridays for Future“-Bewegung als „berechtigt und gut begründet“. Während ihres Berlin-Besuchs nimmt sie zudem die „Goldene Kamera“ entgegen, doch das ist bei weitem nicht die höchste Ehrung, die ihr im März zu Teil wird: Am 13. März 2019 wird Thunberg für den Friedensnobelpreis nominiert. Sollte Thunberg den Preis erhalten, würde sie das zur jüngsten Friedensnobelpreisträgerin in der Geschichte machen.

          Welche Rolle die jungen Umweltaktivisten mittlerweile spielen, zeigt sich deutlich an den Veranstaltungen, auf die sie eingeladen werden: Im Februar 2019 spricht Thunberg vor dem Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und zum Chef der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker. Ihre Forderung: Die Ziele des Pariser Abkommens sollen höher gesetzt werden und von 40 Prozent CO2-Reduktion auf 80 Prozent verdoppelt werden. Auf ihren Reisen zu den Podien dieser Welt verzichtet Greta Thunberg auf das Flugzeug und reist bevorzugt mit dem Elektro-Auto oder Zug. 32 Stunden sitzt sie daher im Januar im Zug, um am Weltwirtschaftsforum in Davos teilzunehmen. An die dort Anwesenden, die zum Teil mit Privatflugzeugen angereist sind, richtet sie klare Worte: „Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn das tut es.“

          Zum Elektro-Auto und Zug kommt im August auch das Segelboot als mögliches Transportmittel der jungen Thunberg ins Spiel: Seit sechs Tagen segelt die Umweltaktivistin nun auf dem solarzellenbetriebenen Boot „Malizia II“, etwas mehr als ein Drittel der Reise ist geschafft. Das Ziel: erst der diesjährige Klimagipfel in New York, dann die UN-Klimakonferenz in Santiago de Chile. Den amerikanischen Präsidenten wird sie während ihres Aufenthalts in den Vereinigten Staaten nicht treffen: „Wenn er nicht bereit ist, der Wissenschaft und den Experten zuzuhören, wie soll ich ihn dann überzeugen? Wie soll irgendjemandem von unserer Bewegung das gelingen?“ Stattdessen wolle sie versuchen, die Bevölkerung davon zu überzeugen, mehr Druck auf Trump auszuüben. Den in ihren Augen uneinsichtigen Erwachsenen schien die junge Idealistin schon vor einem Jahr nicht viel abgewinnen zu können: „Mir ist es egal, ob ich beliebt bin. Ich will Gerechtigkeit in der Klimafrage und einen lebenden Planeten.“

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