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Klimaaktivistin in Amerika : „Greta ist das Böse“

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Greta Thunberg reist mit der Segelyacht „Malizia“ nach New York. Bild: Twitter/gretathunberg/Screenshot F.A.Z.

Greta Thunberg wird in den Vereinigten Staaten nicht nur von begeisterten Aktivisten empfangen. Auch die Lobbyisten aus dem Lager der Klimawandel-Leugner laufen sich schon warm.

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          New York wird Greta Thunberg vermutlich einen herzlichen Empfang bereiten: Bevor sie Ende September beim „Climate Action Summit“ der Vereinten Nationen spricht, will sie eine Demonstration zum weltweiten Streik für den Klimaschutz anführen. Ihr Bekanntheitsgrad ist hier aber nicht so hoch wie in Europa, wo sie kürzlich im schwarzen Anzug und mit kämpferischer Pose auf dem britischen Cover des Männermagazins „GQ“ landete. Viele Amerikaner haben noch nie von der für den Nobelpreis vorgeschlagenen Schwedin gehört, die gerade über den Atlantik segelt. Immer mehr Bürger sagen in Umfragen, dass sie sich Sorgen um den Klimawandel machen, aber die Lager sind auch bei diesem Thema gespalten. Laut einer Befragung von „Morning Consult“ nannten 45 Prozent der demokratischen Wähler den Klimawandel im Juli eine „Krise“, 26 Prozent der Parteilosen und acht Prozent der Republikaner taten das ebenfalls.

          Richard Black, Direktor der Organisation „Energy and Climate Intelligence Unit“, sagte: „Es wird interessant sein, zu sehen, ob es irgendwelche bezahlten Anti-Greta-Lobbyaktivitäten gibt. Es gibt schließlich ein Lager, das sie absolut nicht willkommen heißt.“ Gemeint sind die Organisationen der Klimawandel-Leugner in Washington, die Thunberg wegen ihrer öffentlichen Reichweite attackieren werden. Die Aktivistin sei auch eine „intellektuelle Bedrohung“, so Black, weil sie etablierte politische Meinungsmacher nicht automatisch ernst nehme. Patrick Moore, Vorsitzender der Lobbyorganisation „CO2-Coalition“, schrieb bei Twitter bereits: „Greta = Evil“, Greta sei also das Böse. Gegenüber der Zeitschrift „Scientific American“ verteidigte er Anspielungen auf Thunbergs Asperger-Syndrom. Er wolle die Aktivistin nicht wegen ihrer Behinderung angreifen, aber ihre „Hintermänner“ seien „mit Hitler vergleichbar“.

          Unter Moores Fans ist auch Präsident Donald Trump – er verbreitete bei Twitter dessen Behauptung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel „Fake News“ seien. Trumps Umfeld ist jedenfalls schon auf den rhetorischen Barrikaden und regt sich über Thunbergs Besuch auf. Steve Milloy, der die Übergabe der Umweltschutzbehörde EPA zu Anfang der Regierungszeit organisierte, nannte Thunberg ein „von Erwachsenen ausgebeutetes, hirnloses Kind“. Bei Twitter schrieb er: „Sie ist ignorant, manisch und wird gnadenlos von erwachsenen Klima-Bettnässern ausgebeutet, die von Putin finanziert werden.“

          Jugendliche Aktivisten sind in den Staaten keine Seltenheit

          In den amerikanischen Medien wird unterdessen häufig wohlwollend über Thunberg berichtet, wenn man von Häme in Postillen wie „Breitbart“ absieht, wo man ihr einen Walangriff auf hoher See mit anschließender Rettung durch einen Öltanker wünschte. Magazine wie der „New Yorker“ und „Time“ brachten Porträts der Aktivistin und stuften die Wirkung von „Fridays for Future“ als überwiegend produktiv ein, „Time“ setzte Thunberg auf die Liste der „hundert einflussreichsten Menschen 2019“. Gegen die Verächtlichkeit europäischer Kommentatoren wie dem Ukip-Finanzier Arron Banks oder dem französischen Philosophen Michel Onfray nimmt sich amerikanische Kritik an Thunberg häufig sachlich aus. Christopher Caldwell schrieb in der „New York Times“, die Klimaschutzbewegung tue sich keinen Gefallen damit, die Schwedin wie eine Heldin zu verehren und die Diskussion auf einfache Botschaften zu reduzieren. Die Begeisterung für Thunberg zeige in erster Linie eine Sehnsucht nach Komplexitätsreduktion, so Caldwell: „Die Leute haben wohl genug von Ausgewogenheit und Besonnenheit.“ Thunberg selbst lehnte den Fokus auf sich selbst in einem Interview mit der Deutschen Welle kürzlich ab: „Ich denke, wir sollten uns mehr auf das Problem des Klimaschutzes konzentrieren, denn es geht hier nicht um mich.“

          Anders als in Europa arbeiten sich Thunbergs Kritiker nicht ganz so häufig an ihrem Alter ab. Jugendliche Aktivisten sind hier keine Seltenheit, und das nicht erst seit die Überlebenden des Massakers an der Marjory Stoneman Douglas High School gegen Waffengewalt protestieren. Ihre Taktik des Schulstreiks inspirierte nicht nur Thunberg, sondern Kinder und Jugendliche in über hundert Ländern. Und Jugendliche führten schon seit der Bürgerrechtsbewegung in den 50er und 60er Jahren immer wieder Aktionen des zivilen Ungehorsams an. Politik findet für viele Amerikaner nicht in Parteien, sondern in Form von Aktivismus statt – der nimmt seinen Anfang oft in sozialer Freiwilligenarbeit, die auch Kinder und Jugendliche machen. So gründete die 16 Jahre alte Madelaine Tew aus New Jersey die internationale Organisation „Zero Hour“ für Klimaschutz mit, für die sie schon 200.000 Dollar an Spenden einsammelte. Tew kam aus „Environmental Action Clubs“ ihrer Mittelschule zu diesem Engagement.

          Greta Thunberg überquert den Atlantik
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          Politiker, die eine bessere Klimaschutzpolitik befürworten, freuen sich auf den Besuch von Thunberg. Alexandria Ocasio-Cortez, demokratische Kongressabgeordnete aus New York, nahm kürzlich eine Einladung der britischen Zeitung „The Guardian“ an und traf sich mit der Schwedin zu einem Videogespräch. Beide sprachen auch über den „Green New Deal“, mit dem viele Demokraten die amerikanische Wirtschaft gern klimafreundlich umbauen würden, so sie denn jemals die Mehrheiten dafür organisieren könnten. „Die reichen Länder haben die Pflicht, voranzugehen“, sagte Thunberg in dem Gespräch. „Wir müssen beim Klimaschutz führen, weil wir praktisch schon alles haben und weil die Menschen in ärmeren Ländern die Chance haben müssen, erst ihren Lebensstandard zu verbessern.“

          Thunbergs Besuch in New York ist einer von mehreren Terminen in den Vereinigten Staaten. Danach will die Aktivistin nach Kanada, Mexiko und schließlich zum UN-Klimagipfel nach Santiago de Chile weiterreisen. Dort wird es auch um die Haltung der Amerikaner nach dem Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen gehen. Thunberg hatte in einem Interview mit CBS kürzlich gesagt, sie hoffe nicht, bei ihrer Reise auf Präsident Trump zu treffen. Der werde ihr schließlich ohnehin nicht zuhören.

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