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Wisconsin : Gouverneur beruft nach Schüssen auf Schwarzen Nationalgarde ein

  • Aktualisiert am

Tränengaseinsatz in Kenosha Bild: dpa

Der neue Fall von Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten entwickelt sich zum Politikum. Joe Biden schaltet sich ein, die Republikaner warnen vor voreiligen Schlussfolgerungen.

          3 Min.

          Schüsse auf einen Schwarzen durch die Polizei im amerikanischen Bundesstaat Wisconin sorgen weiter für Empörung. Aus Furcht vor einer Eskalation rief Wisconsins Gouverneur Tony Evers 125 Mitglieder der Nationalgarde in die Stadt Kenosha, um die Infrastruktur zu bewachen und für den Schutz von Feuerwehrleuten und anderen Kräften zu sorgen. Die Bezirksbehörden gaben zudem eine Ausgangssperre ab 20.00 Ortszeit bekannt.

          Auslöser der Unruhen waren Handyaufnahmen, die einen Polizeieinsatz gegen den 29-jährigen Jacob Blake zeigen: Zu sehen ist, wie der junge Mann von einem Bürgersteig zur Fahrerseite eines Geländewagens geht und dabei von Beamten mit gezogenen Waffen verfolgt wird. Sie brüllen ihm etwas zu. Als Blake die Tür öffnet und sich in den Wagen hineinbeugen will, packt ihn einer der Polizisten am Oberhemd und feuert, während Blake ihm den Rücken zugekehrt hat.

          Keine Hinweise auf Waffen bei angeschossenem Mann

          Sieben Schüsse sind zu hören, doch ist nicht klar, wie viele Kugeln den Afroamerikaner getroffen haben. Blake kam in ernstem Zustand in ein Krankenhaus.

          Die Handyaufnahmen sollen von einem Zeugen stammen, der sich als Raysean White zu erkennen gab. Vor den Schüssen, berichtete er, habe er in einem gegenüberliegenden Haus aus dem Fenster geschaut und bis zu sieben Frauen lautstark auf dem Fußweg miteinander streiten sehen. Wenige Augenblicke sei Blake vorgefahren.

          White sagte, er habe sich für ein paar Minuten vom Fenster entfernt. Als er wieder zurückgekommen sei, habe er gesehen, wie drei Beamte sich mit Blake auf der Straße ein Handgemenge geliefert hätten. Einer habe Blake in die Rippen geboxt, ein anderer habe ihn mit einem Elektroschocker traktiert. Blake habe sich loswinden können und sei weggegangen, doch hätten die Beamten gebrüllt: „Lassen Sie das Messer fallen!“, sagte White. Dann seien die Schüsse gefallen. Er habe kein Messer in Blakes Händen gesehen.

          Auch Gouverneur Evers sagte, er habe keine Informationen, die darauf hindeuteten, dass Blake ein Messer oder eine andere Waffe getragen hätte. Zu dem Fall ermittele das Justizministerium von Wisconsin.

          Blakes Lebensgefährtin Laquisha Booker sagte dem Lokalsender WTMJ-TV, dass ihre gemeinsamen drei Kinder auf dem Rücksitz des Geländewagens gesessen hätten, vor dem ihr Freund angeschossen worden sei. „Dieser Mann packt ihn einfach buchstäblich am Hemd, schaut weg und ballert einfach auf ihn. Während die Kinder auf dem Rücksitz kreischen. Kreischen“, sagte Booker.

          Die Polizei von Kenosha teilte mit, die Beamten seien am Sonntag einem Notruf wegen eines häuslichen Streits nachgegangen. Ob Blake bewaffnet war, wurde nicht gesagt – auch nicht, warum das Feuer eröffnet wurde. Nach dem Vorfall wurden die beteiligten Polizisten beurlaubt. Noch am Abend kam es zu Ausschreitungen: Demonstranten steckten Autos in Brand, schlugen Fenster ein und lieferten sich Zusammenstöße mit Beamten.

          Gouverneur Evers – ein Demokrat – verurteilte die Schüsse auf Blake. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden forderte „eine sofortige, vollständige und transparente Untersuchung“. Die Beamten „müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, sagte er. Heute Morgen sei das Land erneut mit Kummer und Zorn darüber aufgewacht, dass ein weiterer schwarzer Amerikaner ein Opfer exzessiver Gewalt geworden sei. „Diese Schüsse durchbohren die Seele unserer Nation.“

          Die Republikaner und die Polizeigewerkschaft warfen den Demokraten vor, vorschnell ein Urteil zu fällen. „Wie immer fängt das Video, das gerade die Runde macht, nicht all die Vielschichtigkeiten eines höchst dynamischen Zwischenfalls ein“, sagte der Präsident der Polizeigewerkschaft von Kenosha, Pete Deates. Die Stellungnahme des Gouverneurs nannte er zudem „voll und ganz unverantwortlich.“

          Der Bürgerrechtsanwalt Ben Crump, der Blakes Familie vertritt, sagte, dieser habe einfach nur das Richtige tun wollen, indem er bei einem häuslichen Zwischenfall eingeschritten sei. Das Vorgehen der Beamten sei „unverantwortlich, rücksichtslos und inhuman.“ Es sei überhaupt ein Wunder, dass Blake noch lebe, erklärte Crump. Blakes Familie bitte aber darum, dass die Demonstrationen friedlich bleiben mögen. „Sie glauben nicht, dass Gewalt die Lösung ist.“

          Crump vertrat auch die Familie von George Floyd, jenem schwarzen Mann, dem ein weißer Polizist Ende Mai in Minneapolis minutenlang das Knie in den Hals drückte. Floyds Tod wühlte die Vereinigten Staaten auf, in der Folge kam es zu teils gewalttätigen Protesten im ganzen Land. Auch im Rest der Welt gab es Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt.

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