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Gordon Brown : Premierminister ohne Glück und Charisma

Kaum eine Woche später ermittelten weitere Umfragen allerdings, dass die Zustimmung zu Labour und zur Person des Premierministers auf ein neues Rekordtief gefallen ist - zwanzig Prozentpunkte hinter den Konservativen. Wie zur Bestätigung stürzte Labour am Donnerstagabend in einer Nachwahl zum Unterhaus im südenglischen Wahlbezirk Henley-on-Thames auf den fünften Platz ab und rutschte noch hinter die rechtsextreme British National Party.

Am Wochenende verschärfte sich die Krise der Labour-Partei weiter. Angesichts schwerer Vorwürfe wegen falsch deklarierter Wahlkampfspenden erklärte die Vorsitzende der schottischen Labour-Partei, Wendy Alexander, ihren Rücktritt.

Nach einem Jahr kann Brown das miserable Ansehen seiner Regierung nicht mehr mit Aktionen oder Unterlassungen seines Vorgängers begründen. Tony Blairs Teilnahme am Irak-Krieg - vor zwölf Monaten noch der wichtigste Grund, mit Labour unzufrieden zu sein - ist in der öffentlichen Wahrnehmung schon fast aus dem Blick geraten.

Ruf verspielt

Andere Ereignisse wie die Immobilienkrise, die missglückte Einkommensteuerreform und Preisanstiege für Öl und Lebensmittel führen jetzt die Sorgenliste der Bevölkerung an. Sie alle sind in Browns Amtszeit entstanden. Browns Ruf war auf die wirtschafts- und finanzpolitische Kompetenz gegründet, die er sich in einem Jahrzehnt als Schatzkanzler erworben hatte. Diesen Ruf hat er im neuen Amt verspielt, auch deswegen, weil sein Nachfolger im Schatzamt wie eine Marionette wirkt, an deren Fäden der Vorgänger zieht.

Seit Jahresbeginn hat Brown an einem neuen Image gearbeitet, um seine Zustimmungswerte zu verbessern. Er wollte der Mann der „schwierigen Entscheidungen“ sein. Doch dieses Bild ist schwer zu vermitteln. So spielte Brown im vergangenen Herbst, da war er gerade zwei Monate im Amt, mit dem Gedanken, gleich eine Unterhauswahl abzuhalten, um sich und seine Partei mit einem eigenen, fünf Jahre währenden Mandat auszustatten. Als er das Vorhaben schließlich als zu unsicher abblies, wandelte sich die Anerkennung des Publikums in Spott.

hm fehlt Blairs charismatische Überzeugungskraft

Von diesem Ereignis hat sich das Ansehen des Premierministers nicht erholt. Ähnlich erging es ihm nun auf dem Feld der inneren Sicherheit. Bevor er versuchen konnte, durch das Polizeihaft-Gesetz Härte zu demonstrieren, waren der Regierung ein halbes Dutzend Pannen beim Umgang mit Millionen von Personendaten unterlaufen.

Die Polizeihaft-Initiative hat Brown ebenso wie andere, noch umstrittenere Pläne von seinem Vorgänger Blair geerbt. Auch das nächste Vorhaben, die Einführung eines Personalausweises für jedermann, will er wie geplant verwirklichen - allerdings soll der Ausweis zuerst für Ausländer verpflichtend sein.

Weitere „schwierige Entscheidungen“ galten dem Neubau von Kernkraftwerken oder der Ausweitung der Stammzellforschung. Brown hofft, dadurch an Statur zu gewinnen. Doch bislang sind fast alle seine schwierigen Aktionen zugleich auch äußerst unpopulär gewesen.

Ihm fehlt, was Tony Blair reichlich hatte: die Gabe charismatischer Überzeugungskraft. Die Botschaft von den „schwierigen Entscheidungen“ enthält auch den Hauch des Vorwurfs, da habe der applausverwöhnte Premier Blair einiges an Unbequemem liegenlassen. Dieser Vorwurf könnte dereinst noch zum Trost werden - wenn Browns Amtszeit spätestens im Frühjahr 2010 ohne Wahlsieg enden sollte.

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