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Goran Hadzic : Der letzte flüchtige Angeklagte

Einstiger Führer der Serben in Kroatien: Goran Hadzic Bild: AFP

Von ihm fehlt - angeblich - jede Spur: Goran Hadzic, der einstige Führer der Serben in Kroatien, ist nach der Verhaftung von Mladic der letzte noch flüchtige Angeklagte des UN-Tribunals. Er gilt als ein maßgeblicher Erfüllungsgehilfe Milosevics.

          Seit November 1993, als das vom UN-Sicherheitsrat eingerichtete Tribunal zur Verfolgung der in Jugoslawien begangenen Kriegsverbrechen die Arbeit aufnahm, sind 137 Männer und eine Frau vor dem internationalen Gericht angeklagt worden. Seit der Verhaftung von Ratko Mladic am Donnerstag ist Goran Hadzic, der ehemalige Führer der kroatischen Serben, der letzte noch flüchtige Angeklagte.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Hadzic, geboren 1958 im Osten Slawoniens, unweit von Vukovar, hatte vor den jugoslawischen Zerfallskriegen in einem Lagerhaus gearbeitet. Im Februar 1992 wurde er zum „Präsidenten“ der selbsternannten „Republik der serbischen Krajina“ gewählt. Dieser Quasistaat von Belgrads Gnaden erstreckte sich zeitweilig vom kroatischen Hinterland an der Adria bis in die pannonische Tiefebene hinein. Hadzic blieb nur bis Dezember 1993 das Oberhaupt dieses Gebildes, doch in dieser Zeit ereigneten sich in seinem Herrschaftsgebiet viele Kriegsverbrechen. Inwieweit ihm die Verantwortung dafür nachgewiesen werden kann, ist allerdings ungewiss, da Hadzic nur ein Erfüllungsgehilfe war, wenn auch ein maßgeblicher.

          Die wahre Macht ging von Belgrad aus. In der Anklageschrift des Haager Tribunals wird Hadzic beschuldigt, an der von Serbien aus gesteuerten Vertreibungspolitik mitgewirkt zu haben, als deren Ergebnis zeitweilig etwa ein Drittel des kroatischen Territoriums unter serbische Herrschaft geriet. „Der Zweck dieses gemeinsamen kriminellen Unterfangens war die dauerhafte gewaltsame Entfernung einer Mehrheit der kroatischen und anderer nichtserbischer Einwohner“, heißt es in der Anklageschrift, die sich auf die Zeit zwischen Juni 1991 und Dezember 1993 bezieht.

          Anklage zählt mehrere hundert Morde auf

          Als Mittäter Hadzics werden unter anderem der 2006 verstorbene serbische Herrscher Slobodan Milosevic, der derzeit vor Gericht stehende Freischärlerführer Vojislav Seselj sowie der Anfang 2000 in Belgrad erschossene Berufskriminelle Zeljko Raznjatovic(„Arkan“) genannt. Der Vorwurf gegen Hadzic: Bei den Angriffen gegen kroatische Dörfer und Städte erhielten die „jugoslawische“ (lies: serbische) Armee und die Freischärlerverbände Unterstützung von ortskundigen Einheiten, die zumindest formal Hadzic unterstanden.

          Die Anklage gegen Hadzic zählt mehrere hundert Morde auf. Andere Opfer wurden verhaftet, gefoltert oder unter unmenschlichen Bedingungen interniert. Zumindest in einem Fall sollen Gefangene eingesetzt worden sein, um Minenfelder zu räumen, indem man ihnen befahl, die verminten Abschnitte zu durchschreiten. Tausende seien vertrieben worden, fast 20.000 allein aus der völlig zerstörten Donaustadt Vukovar. Ein besonders berüchtigtes Verbrechen ist die Ermordung von 264 Personen, die serbische Einheiten nach der Einnahme Vukovars im November 1991 aus einem Krankenhaus auf ein in der Nähe gelegenes Gut verschleppten und dort quälten, erschossen und in einem Massengrab verscharrten.

          Laut den Daten der jugoslawischen Volkszählung von 1991 lebten in den von Hadzic als Statthalter kontrollierten Gebieten vor dem Kriege mehr als 90.000 Kroaten. Wenige Jahre später hatte sich das Bild gewandelt: „Fast die gesamte kroatische und nichtserbische Bevölkerung dieses Gebietes wurde gewaltsam ausgewiesen, deportiert oder getötet“, heißt es in der von der damaligen Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte am 21. Mai 2004 unterzeichneten Anklageschrift, deren bald darauf zu einem Skandal in Serbien führte. Am 13. Juli 2004, wenige Stunden, nachdem der Haftbefehl gegen Hadzic offiziell an Belgrad übermittelt worden war, erhielt der Gesuchte von den serbischen Behörden eine Warnung und konnte sein Haus in Novi Sad, wo er seit Kriegsende unbehelligt gelebt hatte, rechtzeitig verlassen. Zum Zeitpunkt seiner Flucht war Hadzic einer von noch 22 Angeklagten, die sich auf freiem Fuß befanden. Seither fehlt von ihm – angeblich – jede Spur.

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