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Gleichstellung in Frankreich : Frigide Durchgeknallts Familienwerte

Der Präsident erhielt dafür viel Applaus von den Bürgermeistern, die in Frankreich standesamtliche Aufgaben erfüllen und nicht zu gleichgeschlechtlichen Eheschließungen gezwungen werden wollen. Manche Bürgermeister verweisen auf das Recht von Ärzten, keine Abtreibungen vorzunehmen. Doch Hollandes Äußerung rief sofort einen Proteststurm von den homosexuellen Lobbygruppen hervor, die dem Präsidenten „Verrat“ vorhielten. Hollande druckste daraufhin herum, er habe das alles nicht so gemeint und das Gesetz, sollte es einmal beschlossen sein, müsse natürlich von allen Bürgermeistern respektiert werden. Hollandes Lebensgefährtin Valérie Trierweiler indessen kündigte an, sie werde - sobald das Gesetz in Kraft getreten sei - zwei befreundeten Homosexuellen als Trauzeugin bei deren Eheschließung beistehen.

Alternative zur Ehe

Frigide Barjot und ihre Mitstreiter aber hoffen, dass es nicht so weit kommt. Sie fordern, „Generalstände über die Familie“ einzuberufen, eine große nationale Debatte über die Grundlagen der französischen Gesellschaft zu führen, bevor das Gesetz in die Nationalversammlung eingebracht wird. Auch linke Vereine haben sich von der „Homo-Ehe“ distanziert, die ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare sowie Anspruch auf moderne Fortpflanzungsmedizin vorsieht. „Ich habe für Hollande gestimmt, aber ich kann nicht widerspruchslos hinnehmen, wie die traditionelle Familie zerstört wird“, sagt Laurence Tcheng vom Verein „La Gauche pour le mariage républicain“ (Die Linke für die republikanische Ehe). Sie spricht von Einschüchterungsmanövern, weil sie gegen das Vorzeigeprojekt aufbegehre. „Es braucht viel Mut, als Linke die gewachsenen Familienstrukturen in unserem Land zu verteidigen“, sagt Frau Tscheng. Auf ihrem Pullover halten sich eine Frau, ein Mann und zwei Kinder an den Händen - das Logo des Kollektivs „Demo für alle“.

Seit 1999 gibt es in Frankreich die eingetragenen Lebenspartnerschaften („Pacs“), die homosexuelle Paare in steuerlichen und erbrechtlichen Fragen mit heterosexuellen Paaren gleichstellen. Als Alternative zur Ehe ist der einfach im Amtsgericht oder beim Notar abzuschließende „Pacs“ auch bei heterosexuellen Paaren sehr beliebt. Aber einigen sehr gut vernetzten homosexuellen Lobbygruppen genügte diese finanzielle Gleichstellung nicht. Sie verlangten die Freigabe der Adoption und insbesondere der in Frankreich von der staatlichen Krankenversicherung finanzierten Reproduktionsmedizin. So entstand das Gesetzesvorhaben zur Homoehe, das Hollande im wenig sittenstrengen Frankreich leicht durchsetzbar wähnte.

Verunsichert durch das Gesetz

Doch jetzt hat der Präsident nicht nur die Vertreter aller Religionen gegen sich aufgebracht, sondern ganz gewöhnliche Familien, die um ihre Grundwerte bangen. Auch Franzosen muslimischer Herkunft sind irritiert. „Wir sind nicht sehr erfahren beim Protestieren. Aber ich kann Ihnen versichern, dass die meisten Franzosen muslimischen Glaubens zutiefst verunsichert sind durch das Gesetz“, sagt Camel Bechikh vom Verein „Fils de France“ (Söhne Frankreichs). Der aus Lyon stammende Unternehmer Jean-Baptiste Labouche berichtet, wie er in der Großstadt an der Rhône den Widerstand organisierte: „Angefangen hat alles bei einem einfachen Gespräch am Küchentisch mit Freunden. Wir gehen nie zu Demonstrationen. Aber wir haben uns gesagt: die Familie ist uns so wichtig, dass wir jetzt etwas tun müssen.“ Er habe einige Vereine kontaktiert, die wiederum andere Netze mobilisierten, und „schließlich waren wir 30.000 Franzosen, die friedlich in Lyon protestiert haben“, freut sich Labouche.

“Unser Kampf ist erst beendet“, sagt Frigide Barjot, „wenn die Regierung den Gesetzentwurf zurückzieht und eine Debatte zulässt.“

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