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Gipfeltreffen : Europa soll sich um Afrika kümmern

Chirac zieht sich zurück: Merkel soll zur Fürsprecherin Afrikas werden Bild: REUTERS

Es war Chiracs letzter Frankreich-Afrika-Gipfel als Gastgeber. Zwischen Wehmut und Visionen schwankend gab er Bundeskanzlerin Merkel einen indirekten Auftrag: Die EU müsse den schwarzen Kontinent von der Globalisierung profitieren lassen.

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          Eine letzte Gala für Afrika vor blauem Mittelmeer und Palmen der Prachtpromenade Croisette: Beim XXIV. Gipfeltreffen Frankreich-Afrika in Cannes hat der französische Staatspräsident Chirac am Donnerstag mehr als 50 Staats- und Regierungschefs des afrikanischen Kontinents mit dem Wunsch empfangen, den „privilegierten Bund zwischen Afrika und Frankreich auch künftig zu bewahren“. Für die Zukunft hofft Chirac, dessen Mandat im Mai endet, auf eine „Europäisierung“ der Sonderbeziehungen - ein Vermächtnis, das er der deutschen Bundeskanzlerin widmete.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Als EU-Ratspräsidentin und Vorsitzende der G-8-Gruppe war Angela Merkel der Einladung an die Cote d'Azur gefolgt. Das Treffen bereitet den ersten EU-Afrika-Gipfel in der zweiten Jahreshälfte in Portugal vor. Chirac, „l'Africain“, bekundete über die Präsenz der Deutschen und Europäerin „Angela“, wie er sie wiederholt ansprach, aufrichtige Freude. Auch wenn ihr eine gewisse Unvertrautheit mit dem afrikanischen Club anzumerken war und sie den afrikanischen Potentaten nur scheue Blicke zuwerfen mochte, bekannte die Bundeskanzlerin sich in einer sehr persönlichen Rede zu Europas „Verantwortung für Afrika“.

          Merkel: Europa schuldet Afrika den Willen zum Frieden

          „Ich bin in der DDR aufgewachsen, ich habe Glück gehabt, dass die Mauer fiel“, sagte sie. Das Geschenk des Friedens, der Freiheit und der Demokratie sei jedoch nicht dem Zufall zu verdanken gewesen. „Es ist nicht passiert, weil abgewartet wurde“, sagte Frau Merkel. Den entschlossenen Willen zu Demokratisierung und Frieden schulde das freie Europa jetzt auch Afrika, dem Nachbarkontinent. Hier werde die Frage der nachfolgenden Generationen beantwortet, wie Europa nach dem Ende des Kalten Krieges die Welt neu gestaltet habe, sagte Frau Merkel.

          „Privilegierter Bund”: Chriac im Kreise afrikanischer Regierungschefs

          Chiracs Rede im Palast des Festivals klang wie ein fast wehmütiges Adieu an die „afrikanische Familie“, eine Wehmut, die auch von dem Eingeständnis genährt wird, dass er seine hehren Ziele schon im frankophonen Hinterhof nicht hat erfüllen können. Wenn Chirac mit der Einführung einer Steuer auf Flugtickets 2005 zugunsten eines Fonds zur Seuchenbekämpfung an seinem Nachruf als großer „Entwicklungshelfer“ arbeitet, steht es um die ehemaligen Kolonien Frankreichs auf dem schwarzen Kontinent nicht zum Besten.

          Die Kolonialmacht und ihre einstigen Schutzbefohlenen

          Die Krise in der Elfenbeinküste, dem einstigen Schaufenster, wirkt emblematisch für das Versagen der Kolonialmacht, zu seinen einstigen Schutzbefohlenen ein Verhältnis zu finden wie unter mündigen Erwachsenen. Der ivorische Präsident Gbagbo blieb der Versammlung an der Mittelmeerküste demonstrativ fern. Auch Ruanda entsandte keinen Repräsentanten nach Cannes, die verunglückten Versuche der Aufklärung des Völkermords 1994 haben zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen beigetragen.

          Anders als in der Vergangenheit beugte sich der Gastgeber hingegen dem Wunsch der EU, den Präsidenten Zimbabwes nicht weiter als „Familienmitglied“ zu betrachten. Mugabe wurde nicht eingeladen, was wiederum zur Absage des südafrikanischen Präsidenten Mbeki geführt haben soll.

          Chirac hofft auf Wohlstand und Stabilität

          Chirac sprach die Hoffnung aus, dass das Zeitalter der Globalisierung Afrika jene Entwicklung hin zu Wohlstand und Stabilität bringe, die die meisten Länder des Kontinents weder durch Kolonisierung noch durch staatliche Unabhängigkeit im postkolonialen Beziehungsgeflecht zu erlangen vermochten. Enge persönliche Bindungen haben Chiracs Afrika-Politik in den vergangenen zwölf Jahren bestimmt, und demokratische Verlässlichkeit war nicht das Kriterium, nach dem er seine afrikanischen Freunde auswählte.

          Die Verbundenheit zu mächtigen Alleinherrschern wie zum Präsidenten Gabuns, Omar Bongo, der seit der Gründung der Frankreich-Afrika-Gipfel 1973 kaum ein Treffen ausgelassen hat, und die Kompromisse mit den Rechten der Opposition wie in Togo oder Tschad werfen Schatten auf Chiracs Afrika-Engagement.

          „Afrika steht am Scheideweg“

          Dennoch bleibt unbestritten, was die Bundeskanzlerin hervorhob: dass Afrika dem Präsidenten „eine Herzensangelegenheit“ ist. „Wir haben Afrika viereinhalb Jahrhunderte lang ausgeblutet. Wir haben seine Rohstoffe geplündert und dann gesagt: Die Afrikaner taugen zu nichts. Und jetzt wollen wir ihre besten Talente mit Stipendien weglocken“, wird Chirac von seinem neuen Biographen Pierre Pean zitiert, der nach Mitterrand nun Chirac ein Denkmal setzt. „Afrika steht am Scheideweg“, sagte Chirac in Cannes. Entweder die Globalisierung führe zu einer weiteren Ausblutung des Kontinents oder es gelinge endlich, die Bevölkerung vom Reichtum der Bodenschätze und des Wirtschaftswachstums profitieren zu lassen.

          Über die militärische Verantwortung, die Frankreich in Afrika weiter trägt, ließ sich Chirac nicht weiter aus. Die von ihm angestrengte Verstärkung der afrikanischen Militärkapazitäten zur Friedenssicherung im Programm Recamp, Renforcement des capacites africaines de maintien de paix, ist noch nicht so weit gediehen, dass die französischen Truppen aus Afrika abziehen könnten.

          Ein missverstandener Wohltäter

          Der nächste französische Staatspräsident wird über die derzeit größte französische Militäroperation in Afrika, über die 3000 Soldaten der Mission „Einhorn“ in der Elfenbeinküste, zu entscheiden haben. Auch die Darfur-Krise überlässt Chirac seinem Nachfolger, auch wenn ihm in Cannes zumindest ein Gespräch zwischen den wichtigsten Beteiligten, dem sudanesischen Präsidenten Baschir und den Staatschefs Tschads und der Zentralafrikanischen Republik gelingen sollte. Als Gendarm Afrikas wollte sich Chirac nicht verabschieden, lieber als manchmal missverstandener Wohltäter.

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