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Gipfel in Hanoi : Vietnam, ein Vorbild für Nordkorea?

Straße in Hanoi: Könnte Vietnam eine Blaupause für Nordkorea sein? Bild: AP

Donald Trump sieht Vietnam als mögliche Blaupause für Nordkorea, und auch für Kim Jong-un ist das Land mehr als nur ein Gastgeber. Aber die Analogie hat ihre Grenzen.

          Abermals setzte Donald Trump den Ton am Mittwochmorgen mit einer Twitternachricht: „Vietnam blüht wie nur wenige andere Orte. Nordkorea wäre genauso, und das sehr schnell, wenn es denuklearisiert. Das Potential ist fantastisch, eine großartige Gelegenheit, wie kaum eine andere in der Geschichte, für meinen Freund Kim Jong-un!“, schrieb der amerikanische Präsident aus seinem Hotel in Hanoi. Der Tweet war auch eine freundliche Geste gegenüber den Gastgebern. Denn der Mittwoch ist nicht nur der Tag, an dem Trump seinen „Freund“ Kim Jong-un nach dem historischen Gipfel in Singapur vor acht Monaten zum zweiten Mal treffen wird. Der Amerikaner kam auch schon mit der vietnamesischen Führung zusammen. Dem Parteichef und Präsidenten Nguyen Phu Trong dankte er dafür, dass dieser sich zur Austragung des Gipfels bereit erklärt habe.  

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Aber es war natürlich auch eine Botschaft an seinen Gesprächspartner Kim Jong-un. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass die Amerikaner für diese Idee einer Vorbildfunktion Vietnams für Nordkorea Werbung machten. Schon im vergangenen Jahr hatte der amerikanische Außenminister Mike Pompeo etwas Vergleichbares gesagt. Es ist eine reizvolle Analogie, die auch eine Rolle dabei gespielt hat, dass Hanoi als Gastgeber für das zweite Treffen überhaupt ausgewählt wurde. Denn die Parallelen zwischen den beiden Staaten sind frappierend.

          Wenn Nordkorea einen „Zwilling“ hätte, dann wäre das Vietnam, schreibt etwa der russische Nordkorea-Experte Andrei Lankov auf der Website NK News. Die Länder sind etwa gleich groß und standen über Jahrhunderte unter dem Einfluss Chinas, der chinesischen Kultur und des Konfuzianismus. Später wurden beide von ausländischen Mächten kolonialisiert. Das Auftauchen des Kommunismus führte in Vietnam und Korea zu Krieg und zu einer Teilung in einen Norden und Süden.

          Doch danach entwickelten sich die beiden Staaten in verschiedene Richtungen. In den Zeiten der Rivalität zwischen Russland und China nahm Nordkorea eine neutrale Position ein, während Vietnam sich der Sowjetunion anschloss. Vietnams wirtschaftliche Öffnung seit den achtziger Jahren und seine Annäherung an Südkorea entfremdete die beiden Staaten weiter voneinander. In den nachfolgenden 30 Jahren hat sich die Wirtschaftsleistung Vietnams etwa verdreißigfacht. Viele Vietnamesen genießen heute bescheidenen Wohlstand, während die Nordkoreaner in Armut leben. Seit der Wiederaufnahme der Beziehungen und dem Besuch von Bill Clinton im Jahr 2000 hat sich Vietnam zudem immer stärker Amerika angenähert. Ein Großteil der vietnamesischen Exporte geht heute nach Amerika. Mit Blick auf China haben sich die ehemaligen Kriegsgegner sogar militärisch angenähert.

          Der Vorbildcharakter geht aber noch darüber hinaus. Die Amerikaner würden es wohl nicht so deutlich sagen: Aber zu der Analogie zwischen Vietnam und Nordkorea gehört es auch, dass Vietnam bei aller Öffnung an einem repressiven politischen System festgehalten hat. Dies wird auch während dieses von vielen beklatschten Gipfels deutlich, für den vietnamesische Dissidenten und Regimekritiker unter verschärfte Überwachung gestellt wurden. Es herrscht zudem eine strenge Zensur. Einzelne Korrespondenten wurden daran erinnert, dass ihre Pressepässe sie nur dazu berechtigten, über den Gipfel selbst zu berichten. „Sie sollten sich an das vorgegebene Programm halten und keine Nachrichten irrelevanter und ‚sensibler‘ Themen sammeln, schreiben und veröffentlichen“, hieß es in der E-Mail aus dem Außenministerium. Im Übrigen hoffe man auf „positive“ Artikel über den Gipfel und über Vietnam.   

          Ob gewollt oder ungewollt, lautet die Botschaft des Vietnam-Vergleichs deshalb auch, dass Washington nur wenig Interesse an einem „Regime Change“ haben könnte, sofern Nordkorea seine Bereitschaft zur wirtschaftlichen Öffnung und Aufgabe seines Atomprogramms unter Beweis stellt. Aber auch die schönste Analogie wie die zwischen Vietnam und Nordkorea stößt sowieso irgendwann an ihre Grenzen. Vietnam war nie im Besitz von Atomwaffen. Vietnams politisches System beruht auf der Entscheidungsfindung innerhalb eines Führungskollektivs an der Spitze der regierenden Kommunistischen Partei. Nordkorea dagegen lebt unter einer brutalen Herrscher-Dynastie, die dem Volk eine gottähnliche Verehrung aufzwingt.  

          Nicht nur Gastgeber, sondern Modell für Kim?

          Und so hebt sich die Symbolik, unter der sich Kim Jong-un bisher in Vietnam präsentiert, auch etwas von der seines Gesprächspartners Donald Trump ab. Kim erinnerte mit einer rund 60-stündigen Zugreise etwa an die Besuche seines Großvaters Kim Il-sung in Vietnam in den Jahren 1958 und 1964. Es war die Hochperiode der sozialistischen Bruderschaft der beiden „Zwillingsstaaten“. Sie führte später dazu, dass Nordkorea im Vietnamkrieg sogar eigene Soldaten gegen Amerika ins Feld schickte (während südkoreanische Soldaten auf Seiten Südvietnams und Amerikas mitkämpften). Der Einsatz nordkoreanischer Kampfpiloten blieb über Jahre ein Geheimnis, bis Vietnam ihn im Jahr 1966 schließlich erstmalig bestätigte.

          Für Kim Jong-un ist Vietnam deshalb wohl mehr als nur ein Gastgeber und mögliches Modell. Das zeigt er auch damit, dass er in dem Land deutlich länger verweilen wird als nur für den Gipfel mit Trump am Mittwoch und Donnerstag. Wie die nordkoreanische Staatsagentur KNCA mitteilte, wird Kim Jong-un sogar bis Samstag bleiben. Anders als vor acht Monaten in Singapur, wo er einen nächtlichen Ausflug zu Sehenswürdigkeiten unternahm, macht sich Kim Jong-un in Hanoi bislang allerdings rar. Fotos zeigten ihn im Hotel im Gespräch mit seiner Delegation. Seit seiner Ankunft am Dienstag hat er lediglich – soweit bekannt – die nordkoreanische Botschaft in Hanoi besucht. 

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