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Giftgasangriff in Syrien : Der Westen ändert die Tonlage

Nach Medienberichten wurden die militärischen Planungen gleichsam im Auge von Trumps Twitter-Sturm unbeirrt fortgesetzt; der Nationale Sicherheitsrat sollte noch am Donnerstag abermals tagen. Als wahrscheinlichstes Szenario galt in Washington, dass Amerika und europäische Verbündete in einer oder wenigen Angriffswellen mehr Marschflugkörper auf mehr Ziele abschießen würden, als Trump es vor einem Jahr angeordnet hatte.

Dass Trump dieselben Fehler begehe, die er Obama vorgeworfen habe, hatten republikanische Falken schon vor zwei Wochen moniert. Da hatte Trump vor Anhängern verkündet: „Wir werden Syrien ziemlich bald verlassen. Sollen sich andere Leute darum kümmern.“ Dass diese „anderen Leute“ nach Lage der Dinge vor allem Russen und Iraner wären, fiel nicht nur linken Gegnern des Präsidenten auf. Der republikanische Senator John McCain ging später sogar so weit, Trump eine Mitschuld an dem Giftgaseinsatz zu unterstellen, weil Assad sein Rückzugsgerede als eine Art Freifahrtschein gedeutet habe.

Pentagon bremst Trump

Deshalb und wegen des Vorwurfs seiner angeblicher Russland-Hörigkeit dürfte Trump das innenpolitische Risiko scheuen, Assad nun doch ungeschoren davonkommen zu lassen. Auf der Bremse steht offenbar eher das Pentagon. Immer wieder, so heißt es in Medienberichten, müssten Militärs die Vertreter des Weißen Hauses daran erinnern, dass es in Syrien eine mutmaßlich verbesserte Luftabwehr zu überwinden gälte – und dass etwaige russische Kollateralschäden zu einer heftigen Eskalation führen könnten.

Den Anlass für Trumps Raketen-Tweet hatte am Mittwoch ein Zitat des russischen Botschafters im Libanon, Alexander Sassypkin, im Haussender der Hizbullah-Miliz gegeben. Demnach würde Russland jede Rakete abfangen, die auf Syrien abgeschossen werde, und die Abschussvorrichtungen angreifen. Das wirkte zweifelhaft, denn die Mitte März von Generalstabschef Walerij Gerassimow verkündete offizielle Moskauer Position, von der ein Botschafter üblicherweise nicht abweicht, beinhaltet stets den einschränkenden Hinweis auf Gefahren für russische Militärangehörige in Syrien. Wassilij Kaschin von der Moskauer Higher School of Economics sagte nun der Zeitung „Wedomosti“, die Worte des russischen Botschafters seien falsch übersetzt oder aus dem Zusammenhang gerissen worden. Tatsächlich habe Sassypkin bloß Gerassimows Erklärung wiederholt. Aber über Nachrichtenagenturen sei die Falschmeldung in die Nachrichten von Trumps Haussender Fox News gelangt. Eine halbe Stunde nach der Sendung habe der Präsident dann seinen Tweet abgesetzt, so Kaschin.

Wie schon mehrfach in Fällen, in denen Trump mit harschen Worten auffällt, versucht sich Moskau in Abgrenzung vom amerikanischen Präsidenten als berechenbar und seriös darzustellen. „Wir wollen nicht Teilnehmer von Twitter-Diplomatie sein“, sagte der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Dmitrij Peskow. „Wir sind Anhänger von seriösen Vorgehensweisen.“ Abermals rief Peskow dazu auf, Schritte zu vermeiden, welche die Spannungen in Syrien vergrößern könnten. Derlei habe „extrem destruktiven Einfluss“ auf den gesamten politischen Prozess.

Russen als Schutzschild

Moskau bringt zwar für das heimische Fernsehpublikum Geschichten über Bevorratungen für den Fall eines Krieges – so riet etwa der Sender Rossija 24 zu weniger Süßigkeiten, mehr Wasser, Reis, Konserven, Olivenöl, Milchpulver und zu Medikamenten mit Jod. Auch rühmte der Sender Russlands Militärmacht; ein Torpedo sei eine „sehr effektive Waffe“ gegen den amerikanischen Zerstörer „Donald Cook“ vor Syriens Küste, hieß es etwa.

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