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Russland zum Giftgasangriff : Wie Moskau sich und Assad von Schuld reinwäscht

Wie nah sich Assad und Putin sind, zeigt auch dieses Plakat in Aleppo. Bild: AFP

Wenn unliebsame Berichte über Kriegsgräuel in Syrien Moskau in ein schlechtes Licht rücken, stellt die russische Regierung dem gern ihre eigene Version entgegen – so auch nach dem Giftgasangriff in Idlib.

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          Wenn sich Berichte häufen, die Moskau oder seine Verbündeten in ungünstigem Licht erscheinen lassen, wird bisweilen gegengesteuert. Moskau sieht sich im „Informationskrieg“ und hat die eigene Klientel gewogen zu halten. Meist kommt es als Erstem Generalmajor Igor Konaschenkow zu, dem Sprecher des Verteidigungsministeriums, Moskaus Version in die Welt zu tragen. Besonders dann, wenn schockierende Nachrichten oder Bilder kursieren, wie zum Beispiel im August vorigen Jahres, als das Foto des Syrers Umran um die Welt ging.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Jenes kleinen Jungen, der staubig und blutend in einem Krankenwagen saß und von dem es hieß, er sei bei einem russischen Bombenangriff auf den Ostteil Aleppos verletzt worden, den damals noch Gegner des Gewaltherrschers Baschar al Assad hielten. Konaschenkow stellte damals „Terroristen“, also allgemein Assad-Gegner, als Urheber eines möglichen Angriffs auf Umrans Familie dar und wies die Berichte über einen russischen Luftschlag als „Moralverbrechen“ zurück.

          Der Sprecher des Verteidigungsministeriums Igor Konaschenkow wies stets den Assad-Gegnern die Verantwortung für den Giftgasangriff in Syrien zu.

          Das Schema wiederholt sich mit Blick auf die Giftgasopfer von Idlib. Dazu wies Konaschenkow wie stets den Assad-Gegnern die Verantwortung zu – dieses Mal zwar nicht für den Angriff selbst, aber für die Vergiftungen. Die russischen Daten zur „objektiven Luftraumkontrolle“ zeigten, dass die syrische Luftwaffe am Dienstag „zwischen 11:30 und 12:30 Uhr Ortszeit“ einen Angriff „gegen ein großes Munitionslager von Terroristen und eine Ansammlung von Militärgerät in den östlichen Vororten von Khan Sheikhtoun“ geflogen habe.

          Dort seien Werkhallen für die Produktion von Munition mit giftigen Substanzen gewesen. Kämpfer hätten Munition mit Chemiewaffen von dem Lager aus „in den Irak geliefert“. Die britische BBC machte etliche Ungereimtheiten an der Version aus. Sie zitierte örtliche Journalisten mit der Aussage, dass in Khan Sheikhtoun keine militärischen Stellungen seien, nur Kämpfergruppen, die die Stadt kontrollierten. Der Angriff sei zudem Stunden vor dem von Konaschenkow angegebenen Zeitfenster erfolgt. Auch zitierte die BBC einen Chemiewaffenfachmann, der sagte, die Idee, dass ein Nervengas wie Sarin sich verbreiten könne, nachdem eine Produktionsstätte bombardiert wurde, sei nicht haltbar.

          Russland sei nicht gegen „objektive Aufklärung“ des Vorfalls

          Dennoch sekundierte, wie stets in solchen Fällen, der Behörden- und Politikapparat mit Schuldzuweisungen. Von westlichen Medien veröffentlichte Videos über die Folgen des Chemiewaffeneinsatzes in Idlib hätten einen „gestellten“ und „provokativen Charakter“, hieß es aus dem Außenministerium.

          „Je mehr der ,Islamische Staat‘ an die Wand gedrückt wird und je mehr das Gebiet Syriens von Terroristen befreit wird, desto beharrlicher wollen einige Staaten diesen Prozess mit solchen Anschuldigungen stören“, sagte Viktor Oserow, der Leiter des Verteidigungsausschusses im Föderationsrat, dem russischen Oberhaus. Auch Oserow verwies auf die von Konaschenkow erwähnten „objektiven Kontrolldaten“ und sagte, Russland sei nicht gegen eine „objektive Aufklärung“ des Vorfalls.

          Noch am Sonntag hatte der Sprecher zwischen den Handlungen der russischen Luftwaffe „zur Zeit der Befreiung Aleppos“ und denen der amerikanischen Luftwaffe im irakischen Mossul „‚stilistische Unterschiede“ ausgemacht. „In Aleppo“ sei die russische Luftwaffe „überhaupt nicht eingesetzt“ worden, behauptete Konaschenkow nun.

          „Alle Aufmerksamkeit wurde darauf konzentriert, dass die humanitären Korridore funktionieren, und darauf, dass den örtlichen Bewohnern umfassende Hilfe geliefert und geleistet wird.“ Dass Moskau seine Luftwaffe nicht zur Unterstützung von Assad-treuen Kämpfern am Boden einsetzte, widerspricht nicht nur zahlreichen Berichten aus Ostaleppo und der angeblich feindlichen „westlichen Massenmedien“, sondern auch der eigenen früheren Darstellung.

          Wirken und Symptome von Sarin und Chlorgas

          Sarin zählt zu den billigsten und am meisten gefürchteten Nervengasen, das flüssig oder gasförmig leicht in Bomben und Raketen verpackt und als feines Aerosol eingesetzt wird. Das Gas dringt nach der Freisetzung in Sekunden durch die Haut und mit der Atmung in den Körper, es blockiert sofort den Abbau des Nervenbotenstoffs Acetylcholin und sorgt so bei tödlichen Konzentrationen blitzschnell dafür, dass die Muskulatur, welche die Atmung steuert, unkontrollierbar wird. Krampfanfälle, verkleinerte Pupillen und Schaum vor dem Mund, wie bei den syrischen Opfern in Videosequenzen beobachtet, zählen zu typischen Symptomen. Letztlich ersticken die Menschen. Sarin wurde während des Zweiten Weltkriegs entwickelt. Bei Sarin handelt es sich wie bei vielen älteren Insektenvernichtungsmitteln chemisch gesehen um eine organische Phosphorverbindung, ebenso wie bei den erst Jahrzehnte später produzierten V-Gasen. Mit VX, das zehnmal so giftig sein soll wie Sarin, wurde unlängst der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un umgebracht. Ein anderes, nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen zuletzt auch immer wieder in Syrien eingesetztes Kampfmittel ist der Lungenkampfstoff Chlorgas. Weil Chlor auch breit in der Zivilindustrie eingesetzt wird, steht der Grundstoff industriell in großen Mengen zur Verfügung. Da das Element schwerer ist als Luft, sinkt es zu Boden, wo es in höherer Konzentration beim Einatmen tödlich wirkt. Bei geringeren Konzentrationen brennen die Augen, und alle Schleimhäute werden verätzt. Die verätzte Lunge füllt sich mit Körperwasser, man erstickt langsam und qualvoll. Die Lunge bleibt bei einer nicht tödlichen Dosis lebenslang geschädigt. Nach der 1997 in Kraft getretenen und 2013 endgültig auch von Syrien ratifizierten Chemiewaffenkonvention gilt der Einsatz von Chlorgas gegen Menschen als Kriegsverbrechen. (jom.)

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