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Giftanschlag auf Spion : Westliche Staaten fordern Aufklärung von Moskau

  • Aktualisiert am

Ihre Ansichten gehen inzwischen auseinander: Macron, Putin und Merkel beim G-20-Gipfel in Hamburg im vergangenen Sommer. Bild: dpa

Auch Berlin, Paris und Washington vermuten Russland hinter dem Giftanschlag auf den früheren Spion Skripal. In einer gemeinsamen Erklärung fordern sie Moskau auf, zu dem Anschlag Stellung zu nehmen. Russland trage mit „hoher Wahrscheinlichkeit die Verantwortung“.

          Die Vereinigte Staaten, Großbritannien, Frankreich und Deutschland haben sich in einer gemeinsamen Erklärung „entsetzt“ über den Giftanschlag gegen den früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter in Salisbury geäußert und Russland zur Aufklärung aufgefordert. „Es handelt sich um einen Übergriff gegen die Souveränität des Vereinigten Königreichs“ und einen Verstoß gegen das Völkerrecht, heißt es in der Erklärung der Regierungschefs. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg warf Russland am Donnerstag vor, den Westen destabilisieren zu wollen. „Der Angriff in Salisbury passt in ein Schema, das wir seit vielen Jahren beobachten“, sagte Stoltenberg am Donnerstag in Brüssel.

          Russland will im Streit mit Großbritannien wegen des Anschlags bald britische Diplomaten des Landes verweisen. Man werde mit den Ausweisungen in Kürze beginnen, zitierte die Nachrichtenagentur RIA den russischen Außenminister Sergej Lawrow am Donnerstag. Die Regierung in London hatte wegen des Attentats zuvor Strafmaßnahmen gegen Russland verhängt und unter anderem 23 russische Diplomaten ausgewiesen.

          Nach dem Anschlag droht die britische Regierung reichen Russen mit Verbindungen zu Präsident Wladimir Putin im Gegenzug mit Konsequenzen in Großbritannien. Außenminister Boris Johnson sagte am Donnerstag, die Behörden könnten von solchen Personen Auskunft über die Herkunft ihres Vermögens verlangen. Gegebenenfalls würden diese dann wegen Korruption zur Rechenschaft gezogen, betonte Johnson im BBC-Fernsehen.

          Auch die Vereinigten Staaten und Frankreich machen Russland für den Gift-Anschlag verantwortlich. Paris teile Londons Befund, dass es keine andere plausible Erklärung gebe. Das teilte der Élyséepalast nach einem Telefongespräch des Staatspräsidenten Emmanuel Macron mit der britischen Premierministerin Teresa May am Donnerstag in Paris mit. Die beiden Spitzenpolitiker hatte bereits zu Wochenbeginn miteinander gesprochen. Macron und May stimmten überein, dass bei einer Antwort die europäische und transatlantische Einheit wichtig seien. Außenminister Jean-Yves Le Drian hatte bereits am Mittwochabend angekündigt, sein Land wolle eine Antwort mit London abstimmen. Der Anschlag betreffe auch die europäische Sicherheit. Die Regierung in Moskau weist die Vorwürfe zurück. Sie warf der britischen Regierung vor, sich einer Zusammenarbeit zur Aufklärung des Vorfalls zu verweigern.

          Tausende britische Soldaten werden wegen der zunehmenden Spannungen zwischen London und Moskau unterdessen gegen Anthrax geimpft. Das bestätigte ein Sprecher des britischen Verteidigungsministeriums am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur in London. Erreger von Anthrax (Milzbrand) gelten als potenzielle Biowaffen. Außerdem wird London ein hochmodernes Zentrum zur Verteidigung gegen Chemiewaffen errichten. Hierfür werden 48 Millionen Pfund (etwa 54 Millionen Euro) bereitgestellt.

          Liebesgrüße aus Moskau: Nachdem London 23 russische Diplomatem wegen des Gift-Angriffs auf einen russischen Spion des Landes verwiesen hat, will Russland mit britischen Diplomaten nun offenbar genauso verfahren

          Der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson wollte die Maßnahmen am Mittwochmittag genauer vorstellen. Bei Anthrax-Erregern handelt es sich um Bakterien. Milzbrand kann bei rechtzeitiger Diagnose mit Antibiotika bekämpft werden. Ansonsten kann die Erkrankung zum Tode führen. Das neue Zentrum soll auf dem Forschungsgelände Porton Down in der südenglischen Grafschaft Wiltshire entstehen. Dort wird auch zu Chemie- und Biowaffen geforscht.

          Unweit des Geländes liegt die Kleinstadt Salisbury, in der der Mordanschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Yulia verübt worden war. Beide befinden sich nach wie vor in einem kritischen Zustand. Der 66-jährige Skripal und seine 33-jährige Tochter waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in Salisbury entdeckt worden. Sie befinden sich in einem kritischem Zustand. Bei dem Anschlag wurde nach britischen Angaben ein Mittel aus der Gruppe der Nowitschok-Nervengifte eingesetzt, die das sowjetische Militär in den 70er und 80er Jahren entwickelt habe.

          Russischer Diplomat: Skripal war keine Bedrohung

          Der Ständige Vertreter Russlands bei den Vereinten Nationen Wassili Nebensja sagte der russischen Nachrichtenagentur TASS, Russland sei nicht beteiligt an der Vergiftung des früheren Spions und sei bereit, den Fall gemeinsam mit Großbritannien zu untersuchen. Skripal habe keine Bedrohung für Russland dargestellt, so Nebensja. Auch habe es in Russland keine wissenschaftlichen Untersuchungen oder Tests unter dem Namen „Nowitschok“ gegeben. Die wahrscheinlicheren Quellen für die Nervengifte seien Staaten, in denen die chemischen Stoffe seit den 1990er Jahren entwickelt würden. Der Diplomat behauptete, zu diesen Staaten zähle auch Großbritannien.

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