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Giftanschlag auf Nawalnyj : Wie Russland Zweifel am Befund deutscher Ärzte sät

Blick auf den Reichstag und die Charité in Berlin Bild: dpa

Nach Auffassung der Charité wurde der führende russische Oppositionelle Nawalnyj vergiftet. Moskau blockt ab. Putin könne sich nicht um alles kümmern.

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          Auch nach der Erklärung der Berliner Charité, dass der russische Oppositionspolitiker Aleksej Nawalnyj vergiftet worden ist, wird in Russland nicht wegen des Verdachts einer Straftat ermittelt. Weder in der sibirischen Stadt Tomsk, an deren Flughafen Nawalnyj am vergangenen Donnerstag vermutlich vergiftet worden ist, noch in Omsk, wo er 44 Stunden lang in einem Krankenhaus lag, noch in Moskau.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Nawalnyjs Mitstreiter hatten rasch Anzeige erstattet, wie sie es bei Angriffen stets tun. Schließlich hat der Staat es auch Gegnern von Präsident Wladimir Putin, die dessen Macht- und Medienapparat bekämpfen, nicht abgesprochen, Opfer von Straftaten werden zu können. Doch auch im Fall des vermutlichen Mordanschlags auf Nawalnyj, den wohl am gründlichsten durch Geheimdienste und Polizei überwachten Putin-Gegner, spricht alles dafür, dass Aufklärung unterbleiben soll.

          Offiziell gab es bis Dienstagmittag keine Reaktion auf den Berliner Befund und den anschließenden Appell von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas, die Tat „bis ins Letzte aufzuklären – und das in voller Transparenz“.

          Polizisten im Chefarztbüro

          Doch offiziös, über die Staatsmedien, wurde rasch versucht, Zweifel am Befund zu säen. Als Ausgangspunkt dienten Verlautbarungen von Omsker Ärzten, die offenkundig dem Machtapparat zuarbeiten, was sie jedoch abstreiten. Alexandr Murachowskij, der Chefarzt der Omsker Klinik, behauptete am Montag über die Männer in Zivil, die während Nawalnyjs Aufenthalt im Krankenhaus und auch an seinem, Murachowskijs, Schreibtisch wirkten: Wer das gewesen sei, könne er nicht sagen, die Männer seien dann wieder gegangen, „alles normal“. Unter den Männern in Zivil im Chefarztbüro wurde der ranghöchste Polizist des Omsker Gebiets identifiziert.

          Eine der Ersten, die gegen Berlin in die Offensive gingen, war Margarita Simonjan, die Chefin des Propagandasenders RT (früher Russia Today); ihr und ihrem Gatten hat Nawalnyj vielfältige Bereicherungen auf Kosten des Steuerzahlers zugeordnet. Schon nachdem die Omsker Ärzte Nawalnyjs Zustand am Freitag mit einem Absinken des Blutzuckerspiegels erklärt hatten, twitterte Simonjan, hätte man Nawalnyj „einen Löffel Zucker gegeben, wäre nichts passiert“; sie, Simonjan, führe für solche Fälle immer ein „Raffaello“ mit, eine Praline. Nun schrieb Simonjan über den Befund der Charité: „Als hätte sie irgendetwas anderes sagen können.“ Das soll heißen, dass der Befund politisch vorgegeben worden sei.

          Julija Nawalnaja, die Frau von Aleksej Nawalnyj, am 25. August vor der Charité in Berlin
          Julija Nawalnaja, die Frau von Aleksej Nawalnyj, am 25. August vor der Charité in Berlin : Bild: EPA

          Passend dazu hieß es kurz nach der Meldung aus Berlin, wonach Nawalnyj mit „einer Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterasehemmer“ vergiftet worden war, aus der Omsker Klinik, Nawalnyj sei sofort nach Ankunft dort auf Cholinesterasehemmer getestet worden, mit negativem Ergebnis. Der stellvertretende Chefarzt Anatolij Kalinitschenko, der eine Vergiftung ausgeschlossen hatte, sagte, man werde klären, ob „wir uns geirrt haben oder das Labor oder ob das alles Desinformation ist“.

          Cholinesterasen sind Enzyme, die im Nervensystem von Menschen, Wirbeltieren und Insekten eine entscheidende Funktion haben: Sie sorgen dafür, dass insbesondere der Nervenbotenstoff Acetylcholin rasch abgebaut wird. Das ist wichtig, denn wenn sich der Transmitter zwischen zwei Nerven oder zwischen Nerven und Muskeln ansammelt, kommt es zu einer Dauererregung. Cholinesterasehemmer bremsen den Abbau des Botenstoffs, weshalb sie im Fall von Erkrankungen wie Alzheimer, bei der Nervenzellenschwund das Gehirn schädigt, eingesetzt werden, um Symptome abzumildern.

          Doch bei Gesunden und in Überdosierung können Cholinesterasehemmer zu einer Überstimulation von Muskeln und Nerven führen, was Muskel- und Bauchkrämpfe, Atemlähmung und Herzstillstand hervorrufen kann. Auch Pestizide, Schädlingsbekämpfungs- und chemische Kampfmittel zählen zu diesen Wirkstoffen, wie Sarin, VX oder Nowitschok.

          „Putin ist ein Vergifter und Mörder“

          Letzteren setzten nach westlicher Überzeugung russische Militärgeheimdienstagenten im Frühjahr 2018 im englischen Salisbury ein, um Sergej Skripal zu töten; der russische Doppelagent und dessen Tochter überlebten, doch kam später eine Engländerin ums Leben, deren Lebensgefährte das vermutlich von den Tätern weggeworfene Fläschchen mit Nowitschok gefunden und mitgenommen hatte. „Was aussieht wie eine Ente, quakt wie eine Ente und schwimmt wie eine Ente, ist eine Ente“, schrieb nun Leonid Wolkow, der ein Netz von Nawalnyjs über Russland verteilten Vertretungen leitet. „Es gibt keine ,überraschenden Zusammenfälle‘, und wenn der Anführer der Opposition in ein seltsames Koma fällt, gibt es einen Grund: Putin ist ein Vergifter und Mörder.“

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