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Giftfangriff auf Nawalnyj : Der Drahtzieher war mächtig

Die Kreml-Mauer mit dem Spasskaja-Turm und die Basilius-Kathedrale spiegeln sich im Regenwasser auf der fast leeren Großen Moskwa-Brücke (Archivbild). Bild: dpa

Aus dem Kreml oder nicht – die Feststellung von Nowitschok im Körper von Putins wichtigstem Widersacher ist ein weiterer Hinweis auf eine Verantwortlichkeit ranghoher, mächtiger Russen.

          4 Min.

          Wahrscheinlich ist der Rubelkurs gerade ein besserer Indikator für die Stimmung in Moskau als offizielle Verlautbarungen des Machtapparats. Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalnyj, der seit dem 22. August in der Berliner Charité im Koma liegt und behandelt wird, wurde mit einem „chemischen Nervenkampfstoff der Nowitschok-Gruppe“ vergiftet; der „zweifelsfreie Nachweis“ sei in einem Bundeswehr-Speziallabor erbracht worden, teilte die Bundesregierung am Mittwochnachmittag mit. Für Berlin ist damit der „Angriff mit einem chemischen Nervenkampfstoff“ erwiesen. Die Bundesregierung verurteilte den Anschlag „auf das Schärfste“, will EU und Nato unterrichten, über eine „angemessene gemeinsame Reaktion beraten“ und die Organisation für das Verbot chemischer Waffen hinzuziehen. Die OPCW führt Nowitschok (russisch für Neuling) auf ihrer Liste verbotener Kampfstoffe.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der Rubel-Kurs fiel nach der Berliner Erklärung, der Bundeskanzlerin Angela Merkel noch ein „er sollte zum Schweigen gebracht werden“ folgen ließ, im Vergleich zu Euro und Dollar. Denn die Feststellung von Nowitschok durch die Bundeswehr ist ein weiterer Hinweis auf eine Verantwortlichkeit russischer Machtstrukturen. Nawalnyj, der in Russland auf Schritt und Tritt vom Geheimdienst FSB observiert wurde, gilt als wichtigster Widersacher von Präsident Wladimir Putin. Ein Anschlag auf ihn würde die Kompetenzen örtlicher Sicherheitskräfte oder FSB-Regionalabteilungen überschreiten. Erst recht wäre er außerhalb der Kragenweite politischer Gegner Nawalnyjs in Sibirien, die mancher hinter der Tat wähnte. In Sibirien war der 44 Jahre alte Moskauer Jurist zum Zeitpunkt des Anschlags unterwegs, um Mitstreiter zu treffen, die Gouverneuren und Bürgermeistern der Machtpartei „Einiges Russland“ bei Wahlen am 13. September Niederlagen beibringen wollen.

          „Für die richtigen Leute ist fast alles zugänglich“

          Die Möglichkeit, dass Nawalnyj auf der letzten Station seiner Reise in der Stadt Tomsk mit Nowitschok vergiftet worden sein könnte, stand schon seit voriger Woche im Raum. Da hatte die Charité von einer Intoxikation „mit einer Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterasehemmer“ gesprochen. Denn zu den Wirkstoffen zählt Nowitschok, das Nawalnyjs Mitstreiter sofort im Verdacht hatten. Wie gefährlich die sowjetische Entwicklung ist, wurde in den vergangenen Jahren mehrfach unter Beweis gestellt.

          Sergej Skripal und seine Tochter Julija überlebten im März 2018 einen Anschlag mit dem Kampfstoff im englischen Salisbury mit Glück. Aber ein paar  Monate später starb eine unbeteiligte Engländerin, deren Lebensgefährte das offenbar achtlos weggeworfene Fläschchen mit dem Gift gefunden und mit nach Hause gebracht hatte. In dem Fall weisen die Spuren auf den Militärgeheimdienst GRU, auch wenn sich Russlands Propagandaapparat bemühte, die beiden vielfach gefilmten Agenten als harmlose Touristen vorzustellen. Der GRU soll auch hinter der Vergiftung eines bulgarischen Geschäftsmanns 2015 mit Nowitschok stecken, der überlebte. 1995 wurde ein Moskauer Banker mit Nowitschok getötet: Das Gift war auf seinen Telefonhörer geschmiert, weshalb auch die Sekretärin starb, die mit demselben Apparat den Krankenwagen rief. Auch ein Pathologe starb. Im Prozess um den Tod des Bankers wurde ausgesagt, mit der Substanz sei bis 1994 am Staatsinstitut für Organische Synthese im russischen Gebiet Saratow gearbeitet worden, ihre Eigenschaften seien Staatsgeheimnis.

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