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Religionskonflikt in Nigeria : Satanische Morde

Im nigerianischen Bundesstaat Benue werden die katholischen Priester Joseph Gor und Felix Tyolaha sowie 17 weitere Gläubige beigesetzt. Bild: AFP

In Nigeria nimmt die Gewalt muslimischer Viehzüchter gegen christliche Ackerbauern zu. Der Konflikt im Zentrum Afrikas bevölkerungsreichstem Staat droht zum Religionskrieg zu werden.

          4 Min.

          „Enough of this Madness“ und „Make Nigeria Safe Again“ stand auf Plakaten, die Demonstranten am vergangenen Dienstag durch die Wirtschaftsmetropole Lagos trugen: Schluss mit dem Irrsinn, macht Nigeria wieder sicher. Zehntausende waren auf den Straßen von Afrikas bevölkerungsreichstem Staat unterwegs – auch in der Hauptstadt Abuja, wo Erzbischof Anselm Umoren gemeinsam mit weißgekleideten Priestern einen Protestzug von Tausenden schwarzgewandeter Christen anführte, „um für die Opfer der barbarischen und satanischen Morde zu beten“.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Die Demonstranten befürchten einen weiteren religiösen Konflikt. Bereits seit Jahren tyrannisieren die Islamisten von Boko Haram den Norden des Landes; rund 20.000 Menschen fielen dem Gemetzel bereits zum Opfer. Nun häufen sich die Massaker auch im Herzen Nigerias, wo die Konflikte zwischen Viehhirten und Ackerbauern zunehmen.

          Am Tag der Massenproteste wurden im nigerianischen Bundesstaat Benue die beiden katholischen Priester Joseph Gor und Felix Tyolaha und 17 weitere Gläubige beigesetzt. Vor einem Monat waren sie Opfer eines Blutbads geworden, das aufgehetzte Muslime in dem Dorf Mbalom angerichtet hatten. Am 24. April hatten Bewaffnete eine Kirche während der Frühmesse gestürmt, um sich geschossen und waren danach mit Geld, Wertgegenständen und dem Kommunionswein getürmt.

          So schlimm war es noch nie

          Gor galt als junger und charismatischer Priester, der sich in der Nachbarschaft beliebt gemacht hatte, indem er zum Beispiel einen Fernseher mit Satellitenschüssel aufstellte, damit die Menschen Fußball gucken konnten. Tyolaha hatte erst kurz zuvor einen Angriff von schwerbewaffneten Viehhirten überlebt. Ihr Tod erschütterte das Land. Präsident Muhammadu Buhari nannte den Überfall „abscheulich und satanisch“ und vermutete, er sei ausgeübt worden, um Hass zwischen Christen und Muslimen zu säen.

          Dabei ist der Anschlag auf die Kirche kein Einzelfall. Erst in der Silvesternacht waren in Benue 79 Bauern abgeschlachtet worden. Die nigerianische Armee entsandte daraufhin Truppen in den betroffenen Bundesstaat, aber auch in die benachbarten Staaten Nasarawa und Taraba. Die Täter waren Angehörige des muslimischen Fulbe-Stammes, einem einst nomadischen Hirtenvolk, das sich auf die gesamte Sahelzone von Mauretanien bis zum Sudan verteilt und schon im 19. Jahrhundert maßgeblich für die Ausbreitung des Islams in Nigeria verantwortlich war.

          Am 20. April wurden im Zamfara-Bundesstaat dreißig Menschen massakriert und am 5. Mai mindestens 48 bei einem Überfall in der Stadt Gwaska, rund 330 Kilometer nordwestlich von Abuja. Damit bestätigt sich eine Tendenz, die schon seit Jahren zu beobachten ist. Während es zwischen 2007 und 2011 in Nigeria zu 67 blutigen Auseinandersetzungen zwischen Viehzüchtern und Ackerbauern kam, waren es in den Jahren zwischen 2012 und 2018 bereits 716, mehr als zehn Mal so viel also wie in den sechs Jahren davor. Doch so schlimm wie derzeit war es noch nie. Von Januar bis Ende April wurden in Nigeria bei Kämpfen zwischen Viehhirten und Ackerbauern 937 Menschen getötet und allein im Benue-Staat 170.000 vertrieben.

          „Beispiellose Flut von Waffen“

          Traditionell geht es bei den Rivalitäten um Wasser und Weide- oder Ackerland in einer Region, die immer schon extremen Klimaschwankungen unterworfen war, die immer wieder von Hungersnöten geplagt wird, in der das Überleben hart ist und das Bevölkerungswachstum explodiert. Doch in zunehmendem Maß wird dieser biblische Konflikt zwischen Kain und Abel durch religiöse Spannungen verschärft. Und er wird durch Entwicklungen in den Nachbarländern angeheizt.

          Der Politikwissenschaftler und Terrorexperte Olayinka Ajala sagt: „Der libysche Konflikt im Jahr 2011 hat zu einer beispiellosen Flut von Waffen sowohl in der Sahelzone als auch in Subsahara-Afrika geführt und zum Beispiel auch das Chaos in Mali ausgelöst.“ Davon hätten nicht nur Terrororganisationen wie Al Qaida im Maghreb oder Boko Haram profitiert, auch Gruppen von Viehzüchtern seien plötzlich viel leichter an Waffen gekommen und würden diese nun rücksichtslos gegen ihre Konkurrenten im Kampf um Wasser und Land einsetzen – für Ajala, der einen Doktortitel der Universität von New York trägt, ist das ein tödliches Gebräu: „Die Konflikte spitzen sich dramatisch zu und drohen außer Kontrolle zu geraten, wenn nicht schnell gehandelt wird.“

          Aber ist die nigerianische Regierung dazu überhaupt in der Lage? Viele Demonstranten werfen dem Staatspräsidenten Muhammadu Buhari vor, nicht energisch genug gegen die Mordbanden vorzugehen. Buhari, seit 2015 im Amt, ist selbst Muslim. Ist er möglicherweise zu nachsichtig gegenüber seinen Glaubensbrüdern?

          Öldiebe, Piraten und Islamisten

          Ungefähr die Hälfte der knapp 190 Millionen Nigerianer ist muslimisch, die andere christlich, die Zahl der Animisten, die ausschließlich an die Götter des Weins, des Waldes und der Frauen glauben, auf nur noch etwa ein Prozent geschrumpft. „Buhari muss endlich aufwachen und seinen Verpflichtungen gerecht werden“, fordert Chikpa Anagbe, Bischof der Diözese in Makurdi, der Hauptstadt jener Provinz, in der der Anschlag auf die Kirche stattfand: „Er ist der Präsident aller Nigerianer, nicht nur der eines einzelnen Stammes oder einer bestimmten Gruppe.“

          Gut möglich ist aber auch, dass der 75 Jahre alte Präsident kaum Kontrolle über ein Riesenreich hat, an dessen Küste sich Öldiebe und Piraten tummeln, in dessen Norden Islamisten wüten und in dem allerorten eine Korruption herrscht, die selbst in Afrika ihresgleichen sucht. Etwas voreilig hatte der neue Mann an der Spitze des Staates bereits kurz nach seinem Amtsantritt das Ende von Boko Haram verkündet. Doch noch immer kontrollieren die Terroristen in zwei Bundesstaaten größere Landstriche. In letzter Zeit häuften sich sogar Angriffe auf die Millionenstadt Maiduguri. Und immer wieder werden Schulmädchen geraubt und mit muslimischen Gotteskriegern zwangsverheiratet.

          Im Moment scheint es, als würde es den Islamisten gelingen, auch im Zentrum Nigerias Fuß zu fassen, dort traditionelle Konflikte religiös zu vergiften und aggressiv den Islam zu verbreiten. „Diese Leute kommen und beginnen, Moscheen zu bauen, obwohl sie wissen, dass die Menschen hier christlich sind“, sagt Pater Amos Mbachie, Priester der St.-Theresa-Gemeinde in Makurdi. „Sie bleiben einfach hier, vertreiben die Einheimischen, setzen die Kirchen in Brand und töten die Priester.“

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