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Religionskonflikt in Nigeria : Satanische Morde

„Beispiellose Flut von Waffen“

Traditionell geht es bei den Rivalitäten um Wasser und Weide- oder Ackerland in einer Region, die immer schon extremen Klimaschwankungen unterworfen war, die immer wieder von Hungersnöten geplagt wird, in der das Überleben hart ist und das Bevölkerungswachstum explodiert. Doch in zunehmendem Maß wird dieser biblische Konflikt zwischen Kain und Abel durch religiöse Spannungen verschärft. Und er wird durch Entwicklungen in den Nachbarländern angeheizt.

Der Politikwissenschaftler und Terrorexperte Olayinka Ajala sagt: „Der libysche Konflikt im Jahr 2011 hat zu einer beispiellosen Flut von Waffen sowohl in der Sahelzone als auch in Subsahara-Afrika geführt und zum Beispiel auch das Chaos in Mali ausgelöst.“ Davon hätten nicht nur Terrororganisationen wie Al Qaida im Maghreb oder Boko Haram profitiert, auch Gruppen von Viehzüchtern seien plötzlich viel leichter an Waffen gekommen und würden diese nun rücksichtslos gegen ihre Konkurrenten im Kampf um Wasser und Land einsetzen – für Ajala, der einen Doktortitel der Universität von New York trägt, ist das ein tödliches Gebräu: „Die Konflikte spitzen sich dramatisch zu und drohen außer Kontrolle zu geraten, wenn nicht schnell gehandelt wird.“

Aber ist die nigerianische Regierung dazu überhaupt in der Lage? Viele Demonstranten werfen dem Staatspräsidenten Muhammadu Buhari vor, nicht energisch genug gegen die Mordbanden vorzugehen. Buhari, seit 2015 im Amt, ist selbst Muslim. Ist er möglicherweise zu nachsichtig gegenüber seinen Glaubensbrüdern?

Öldiebe, Piraten und Islamisten

Ungefähr die Hälfte der knapp 190 Millionen Nigerianer ist muslimisch, die andere christlich, die Zahl der Animisten, die ausschließlich an die Götter des Weins, des Waldes und der Frauen glauben, auf nur noch etwa ein Prozent geschrumpft. „Buhari muss endlich aufwachen und seinen Verpflichtungen gerecht werden“, fordert Chikpa Anagbe, Bischof der Diözese in Makurdi, der Hauptstadt jener Provinz, in der der Anschlag auf die Kirche stattfand: „Er ist der Präsident aller Nigerianer, nicht nur der eines einzelnen Stammes oder einer bestimmten Gruppe.“

Gut möglich ist aber auch, dass der 75 Jahre alte Präsident kaum Kontrolle über ein Riesenreich hat, an dessen Küste sich Öldiebe und Piraten tummeln, in dessen Norden Islamisten wüten und in dem allerorten eine Korruption herrscht, die selbst in Afrika ihresgleichen sucht. Etwas voreilig hatte der neue Mann an der Spitze des Staates bereits kurz nach seinem Amtsantritt das Ende von Boko Haram verkündet. Doch noch immer kontrollieren die Terroristen in zwei Bundesstaaten größere Landstriche. In letzter Zeit häuften sich sogar Angriffe auf die Millionenstadt Maiduguri. Und immer wieder werden Schulmädchen geraubt und mit muslimischen Gotteskriegern zwangsverheiratet.

Im Moment scheint es, als würde es den Islamisten gelingen, auch im Zentrum Nigerias Fuß zu fassen, dort traditionelle Konflikte religiös zu vergiften und aggressiv den Islam zu verbreiten. „Diese Leute kommen und beginnen, Moscheen zu bauen, obwohl sie wissen, dass die Menschen hier christlich sind“, sagt Pater Amos Mbachie, Priester der St.-Theresa-Gemeinde in Makurdi. „Sie bleiben einfach hier, vertreiben die Einheimischen, setzen die Kirchen in Brand und töten die Priester.“

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