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Gewalt in Myanmar : Auf Kugeln folgen Bomben

Bewohner des Karen State in Myanmar suchen Zuflucht im Dschungel, nachdem die Luftwaffe begonnen hat, die Gegend zu bombardieren. Bild: AFP

Die Eskalation der Gewalt in Myanmar geht nach dem Putsch weiter. In Grenzgebieten flog das Militär Luftangriffe. Nachbarländer rechnen mit einer Flüchtlingswelle.

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          Neben dem blutigen Vorgehen des myanmarischen Militärs in Orten und Städten nimmt nun auch in den abgelegenen Randgebieten die Gewalt zu. So ist es in verschiedenen Grenzgebieten des Vielvölkerstaats, in denen vor allem Angehörige der ethnischen Minderheiten leben, in den vergangenen Tagen zu Gefechten gekommen. Wie eine ethnische Rebellenorganisation berichtete, sind bei Luftangriffen des Militärs auf ihrem Gebiet mehrere Menschen getötet und schwer verletzt worden. Tausende seien darauf über den Grenzfluss Salween nach Thailand geflohen, hieß es in der Mitteilung der Karen National Union (KNU), einer Organisation, die Bevölkerungsteile der mehrheitlich christlichen Ethnie der Karen repräsentiert.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          In Thailand wurden laut Angaben des Außenministeriums in Bangkok vom Mittwoch sieben Menschen mit Verletzungen behandelt. 2000 Flüchtlinge sollen aber zurückgeschickt worden sein und sich nun in den Wäldern entlang der Grenze verstecken. Mit den jüngsten Kampfhandlungen wächst die Befürchtung, dass die Gewalt in Myanmar zwei Monate nach dem Militärputsch in eine neue Phase treten könnte. „Ein tragisches Abrutschen in einen neuen Bürgerkrieg ist möglich. Aber dafür wäre nur der Putsch verantwortlich zu machen“, sagt der Historiker und Myanmar-Kenner Than Myint-U.

          Fachleute gehen davon aus, dass eine derartige Eskalation auf die gesamte Region destabilisierend wirken könnte. Neben Thailand stellt sich auch Indien auf eine größere Zahl von Flüchtlingen ein. In Myanmar, dessen Fläche fast doppelt so groß ist wie Deutschland, leben offiziell 135 verschiedene Völker. 69 Prozent der Bevölkerung gehören den mehrheitlich buddhistischen Bamar an, der Rest sind ethnische Minderheiten. Teilweise reichen die Konflikte zwischen Zentralregierung und ethnischen Gruppen Jahrzehnte zurück. Einige Rebellenarmeen haben nun verstärkten Widerstand gegen das Militär angekündigt. 

          Ethnische Gruppen gespalten

          Für die Protestbewegung, die schon mehr als 520 Tote zu beklagen hat, erscheint die Beteiligung der Rebellen als fast einziger Lichtblick. Sie ist von der zögerlichen Reaktion der internationalen Gemeinschaft enttäuscht. Die Rufe nach einer Intervention internationaler Truppen sind kaum noch zu hören. Ihre Hoffnung ist nun eine immer breitere Front gegen das Militär. Dazu dürften neben einer Gegenregierung untergetauchter Abgeordneter und den Repräsentanten der vorwiegend jungen Protestbewegung auch verschiedene Rebellenorganisationen mit ihren Milizen gehören, die teilweise mehrere tausend Truppen umfassen.   

          Die KNU hatte dabei als eine der ersten den Putsch verurteilt. Ihr zur Seite stehen die KIA, die Separatistenbewegung der Kachin, die im nördlichen Grenzgebiet zu China leben und mehrheitlich ebenfalls Christen sind, sowie das Restoration Council of Shan State (RCSS), ein Organisation der Shan, der größten ethnischen Minderheit Myanmars. Ein starkes Signal kam diese Woche auch von der Arakan Army (AA), die bis vor kurzem im Bundestaat Rakhine gegen das Militär gekämpft hatte. Auch die AA hat das Blutvergießen verurteilt und will sich mit zwei weiteren verbündeten Armeen einer gemeinsamen Front der ethnischen Gruppen anschließen, falls das Militär die Gewalt nicht einstellt.

          Eine Auseinandersetzung an mehreren Fronten könnte die Armee in Bedrängnis bringen. Doch die Tatmadaw, wie die Armee in Myanmar genannt wird, verfügt über die bessere Ausrüstung, militärische Ausbildung und größere Truppenstärke. Fachleute schätzen die Rebellenarmeen auf zusammen 75.000 Soldaten, die Tatmadaw auf 350.000. Einige der stärksten Armeen, die Verbindungen zu China unterhalten sollen, agieren bislang zurückhaltend. Dazu gehört die United Wa State Army mit geschätzt 20.000 Soldaten, die in der Wa-Region an der Grenze zu China einen praktisch autonomen Staat mit eigener Verwaltung führt. Andere ethnische Parteien und Gruppen haben sich der Tatmadaw angeschlossen, weil sie sich von der früheren Zivilregierung schlecht behandelt fühlten.

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