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Gaza-Kommentar : Das Kalkül der Hamas

Klar muss sein: Eine Blockade ohne Gewalt gibt es nicht. Bild: AFP

Nach den tödlichen Schüssen am Gazastreifen unterstützt Deutschland eine unabhängige Untersuchung. Doch wer die Blockade der Enklave akzeptiert, muss auch die israelischen Scharfschützen hinnehmen.

          Nach den mehr als ein­hun­dert to­ten Pa­läs­ti­nen­sern in Ga­za am Grenz­zaun wird zwar über Is­ra­els Scharf­schüt­zen dis­ku­tiert, nicht aber über die La­ge, in wel­cher die Sol­da­ten han­deln. Zu die­ser La­ge ge­hört, dass die pa­läs­ti­nen­si­schen Ge­bie­te in zwei En­kla­ven oh­ne wirk­li­che Au­to­no­mie und hand­lungs­fä­hi­ge Füh­rung ge­trennt sind. Die so­ge­nann­te Au­to­no­mie­be­hör­de sitzt im West­jor­dan­land und be­kommt viel Geld aus dem Wes­ten. Kaum et­was von dem Geld fließt in den Ga­za­strei­fen, weil der von der is­la­mis­ti­schen Ha­mas re­giert wird. Die Au­to­no­mie­be­hör­de stran­gu­liert Ga­za min­des­tens eben­so sehr, wie Is­ra­el und Ägyp­ten das tun – durch ih­re weit­ge­hen­de Blo­cka­de. Und die Ha­mas küm­mert sich kaum um das Re­gie­ren, son­dern kämpft um das ei­ge­ne Über­le­ben.

          Statt dar­über zu spre­chen, wird dis­ku­tiert, ob die Schüs­se der is­rae­li­schen Ar­mee auf Pa­läs­ti­nen­ser, die auf den Grenz­zaun zu­lie­fen, an­ge­mes­sen wa­ren. Auch Deutsch­land un­ter­stützt ei­ne un­ab­hän­gi­ge Un­ter­su­chung. Doch für po­li­ti­sche Fra­gen soll­te das Mi­li­tär nicht her­hal­ten müs­sen. Wer die Blo­cka­de des Ga­za­strei­fens ak­zep­tiert, der muss auch die is­rae­li­schen Scharf­schüt­zen am Zaun hin­neh­men. Wer mit der im Ga­za­strei­fen herr­schen­den und einst ja auch ge­wähl­ten Ha­mas nicht spricht, unterstützt hier Is­ra­els Haltung. Bei­des trifft für Deutsch­land zu. Klar muss sein: Ei­ne Blo­cka­de oh­ne Ge­walt gibt es nicht.

          Völ­lig un­nö­ti­ges Blut­bad

          Vie­len der ju­gend­li­chen De­mons­tran­ten in Ga­za ging es auch gar nicht um fried­li­ches De­mons­trie­ren. Es gab Auf­ru­fe, Is­rae­lis zu er­mor­den, die in den Dör­fern na­he dem Ga­za­strei­fen le­ben. Ent­spre­chend hat Is­ra­el ge­ant­wor­tet. Das Er­geb­nis war ein völ­lig un­nö­ti­ges Blut­bad. In der Be­völ­ke­rung ist der Un­mut groß.

          Die Hamas han­delt nicht fa­na­tisch, son­dern bru­tal prag­ma­tisch. Der „Marsch der Rück­kehr“, un­ter dem das al­les lief und der Wo­chen dau­er­te, war kal­ku­liert. Denn To­te brin­gen Ge­hör. Und tat­säch­lich hat zu­min­dest Ägyp­ten über die Zeit des Ra­ma­dan die Gren­ze zum Ga­za­strei­fen ge­öff­net. Ei­gent­lich aber woll­te die Ha­mas er­rei­chen, dass die Blo­cka­de ganz auf­hört. Dar­aus wur­de nichts, die Si­tua­ti­on der Men­schen hat sich nicht ver­bes­sert.

          Dem ei­ge­nen Volk die Rück­kehr in Ge­bie­te zu ver­spre­chen, die heu­te zu Is­ra­el ge­hö­ren, Je­ru­sa­lem gleich­sam stei­ne­wer­fend zu er­obern – was für ei­ne Vor­stel­lung. Aber wer kei­ne Hoff­nung hat, der ver­fällt ir­rea­len Ide­en. Vier­zig­tau­send Men­schen ha­ben sich im Ga­za­strei­fen der Scharf­schüt­zen­ge­fahr aus­ge­setzt. Hun­der­te lie­fen selbst­mör­de­risch di­rekt vor die Feu­er­li­ni­en. Wer macht so et­was? Al­les neun­zehn­jäh­ri­ge Ha­mas-Fa­na­ti­ker? Ver­damm­te?

          Is­ra­el weiß sei­ne Demarkationslinie zu be­wa­chen. Kein Pa­läs­ti­nen­ser hat es über den Zaun ge­schafft. Da­bei könn­te die Ar­mee ei­nen Mas­sen­an­sturm wohl kaum stop­pen, im­mer­hin woh­nen zwei Mil­lio­nen Men­schen im Ga­za­strei­fen. Aber da­zu wird es nicht kom­men, da­für ver­brei­tet Is­ra­el mit seinen Scharfschützen zu viel Angst und Schre­cken.

          Wür­den Pa­läs­ti­nen­ser den Zaun über­win­den, wä­re es für die meis­ten das ers­te Mal über­haupt, dass sie ih­re En­kla­ve ver­lie­ßen. Dass das auch mal auf fried­li­chem, nor­ma­lem Weg mög­lich wird, dar­an glaubt nie­mand. Ei­ne an­de­re Per­spek­ti­ve als die Ver­spre­chen der Ha­mas ha­ben die Men­schen im Ga­za­strei­fen nicht. Niemand anderes gibt sie ihnen. Des­halb wird sich al­les wie­der­ho­len, bis die Ha­mas weg ist oder je­mand mit ihr spricht.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

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