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Gewalt im Irak : Ducken und Schutz suchen

Die Anschläge nehmen wieder zu Bild: dpa

Seit dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak hat sich kein deutscher Politiker in Bagdad blicken lassen. Die Abgeordnete Elke Hoff war die Erste, die es wagte. Vor allem die Amerikaner hätten ihr viel lieber einen sicheren Irak gezeigt.

          6 Min.

          Der Abschied fällt nicht gerade freundlich aus. Ruppig packen die Sicherheitsleute die unter dem Gewicht der gepanzerten Schutzwesten und ihrer Helme strauchelnden Deutschen am Arm und schubsen sie in den Unterstand unter der dicken Betondecke. „Beeilung“, rufen sie noch, dann kracht es schon ganz in der Nähe. Wieder ist ein Geschoss in der „Grünen Zone“ Bagdads eingeschlagen, dem alten und neuen Zentrum der Macht im Irak. Von hier aus herrschte einst Saddam Hussein; heute haben dort die amerikanische Botschaft und die irakische Regierung ihren Sitz. Im Laufschritt geht es hinüber zum Landeplatz der Botschaft, wo die Hubschrauber mit knatternden Rotoren warten.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Durchs Fenster sieht man schwarzen Rauch aus dem schwer bewachten Regierungsviertel aufsteigen. Sekunden nach dem Einsteigen hebt die Maschine Haken schlagend ab. Um Terroristen am Boden keine Chance zu geben, sie ins Visier zu bekommen, nimmt der Pilot im Zick-Zack-Flug Kurs auf den Flughafen am Stadtrand. Seit knapp einer Woche lassen radikale Schiiten vom gegenüberliegenden Tigris-Ufer einen Hagel von Mörsergranaten und iranischen Raketen niedergehen; zwei Amerikaner kamen schon ums Leben.

          „Duck and cover!“

          „Es war so lange ruhig hier - und dann das“, seufzt ein amerikanischer Diplomat, der seine Schutzweste über dem Nadelstreifenanzug trägt. Er klingt, als nähme er die Angriffe persönlich, mit denen schiitische Extremisten in Bagdad auf die Offensive der irakischen Armee in Basra gegen ihre Kampfesbrüder reagieren. Sie haben auf jeden Fall das Programm gehörig durcheinandergebracht, das die amerikanische Botschaft und die irakische Regierung für ihren Gast aus Deutschland vorbereitet hatten. Vor allem die Amerikaner hätten Elke Hoff viel lieber einen anderen Irak gezeigt - ein Land auf dem Weg zu Sicherheit und Stabilität.

          Doch die Iraker kennen schlimmere Zeiten
          Doch die Iraker kennen schlimmere Zeiten : Bild: dpa

          Fünf Jahre nach dem Beginn des amerikanisch geführten Einmarschs im Irak ist die FDP-Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz die erste deutsche Politikerin, die die irakische Hauptstadt besucht; nur in den halbwegs sicheren kurdischen Norden haben sich bisher einige ihrer Parlamentskollegen gewagt, aber noch kein einziger Regierungsvertreter. Auch nach den ersten freien Wahlen nach dem Ende des Baath-Regimes im Jahr 2005 im Irak hat sich hier noch kein offizieller Besucher aus Deutschland blicken lassen.

          Statt der Fortschritte, die die Amerikaner Elke Hoff gerne gezeigt hätten, bekommt die Abgeordnete vor allem zwei Worte zu hören, deren entschiedener Unterton keinen Widerspruch duldet: „Duck and cover!“ (Ducken und Schutz suchen) lautet ein gutes Dutzend Mal von fünf Uhr morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit der Befehl aus den Lautsprechern auf dem Gelände des riesigen Palasts Saddam Husseins am Tigris-Ufer, in dem die amerikanische Botschaft untergebracht ist. Zwischen dem Verklingen der schrillen Sirene und dem dumpfen Knall eines Einschlags vergehen oft nur wenige Sekunden. Selbst im gepanzerten Geländewagen dürfen Botschaftsmitarbeiter und ihr deutscher Gast nicht mehr auf die Straße; Helm und Splitterschutzweste müssen sie auch auf dem kurzen Gang zur Kantine tragen.

          Kunstvoll verschlungene Initialen

          Ryan Crocker stockt keinen Augenblick, als eine Explosion in der Nähe die Fensterscheiben seines Büros im Nordflügel des Palasts klirren lässt. „Nur Störmanöver, aber nichts Ernsthaftes“, beruhigt der amerikanische Botschafter die deutsche Abgeordnete, für die er sich viel Zeit nimmt. „Ihr Besuch ist wichtig für uns. Deutschland gehört zu den Kräften, die einen Einfluss in der Region ausüben“, sagt er und das ist wohl nicht nur Schmeichelei, sondern klingt eher wie eine freundliche Ermutigung in Richtung Berlin, mehr zu tun. Besonders die Verbesserung der Sicherheitslage erlaubt es nach seiner Ansicht, im Irak jetzt auch politisch und wirtschaftlich schneller voranzukommen.

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