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„Gestohlene Generation“ : Australien entschädigt Indigene

Der australische Premierminister Scott Morrison am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Parlament in Canberra Bild: EPA

Tausende indigene Kinder waren in Australien bis in die siebziger Jahre aus ihren Familien gerissen und in Heime und weiße Pflegefamilien gesteckt worden. Nun sollen sie eine einmalige Entschädigungszahlung erhalten.

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          Die Australier nennen sie die „gestohlene Generation“: Tausende indigene Kinder waren bis in die siebziger Jahre aus ihren Familien gerissen und in Heime und weiße Pflegefamilien gesteckt worden. In den Gemeinden der Aborigines wirken diese traumatischen Erlebnisse bis heute nach. Gleichwohl hatte sich die Regierung in Canberra über viele Jahre nicht durchringen können, die Betroffenen in den Territorien, in denen damals die Zentralverwaltung zuständig war, wie gefordert finanziell zu entschädigen.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Doch nun hat die australische Regierung in dieser Frage einen großen Schritt gemacht. Wie Premierminister Scott Morrison am Donnerstag im Parlament ankündigte, soll jeder Betroffene aus dem Northern Territory, dem Australian Capital Territory mit der Hauptstadt Canberra und dem Jervis Bay Territory zur Wiedergutmachung einmalig 75.000 australische Dollar (47.000 Euro) erhalten.

          „Geschichten hallen nach“

          Darüber hinaus sollen sie eine persönliche Entschuldigung und die Gelegenheit bekommen, über ihre Erlebnisse zu berichten. Die Erzählungen seien „nicht einfach Geschichten aus der Vergangenheit, sondern Geschichten, die weiterhin durch die Generationen hinweg nachhallen“, sagte Morrison. Vertreter der Indigenen zeigten sich erfreut, bezeichneten die Entscheidung aber auch als überfällig. Die Forderung nach Entschädigung war schon im Jahr 1997 in einem Kommissionsbericht erhoben worden. 2008 hatte der damalige Premierminister Kevin Rudd im Parlament eine offizielle Entschuldigung an die Indigenen ausgesprochen. Die australischen Bundesstaaten haben teilweise schon vor Jahren Entschädigungsprogramme ins Leben gerufen.

          Angehörige der „gestohlenen Generation“ im Northern Territory, das in Australien den höchsten Bevölkerungsanteil an Indigenen hat, hatten im April dieses Jahres schließlich eine Sammelklage angestrengt, um die Regierung zu Kompensationszahlungen zu zwingen. Presseberichten zufolge sollen etwa 3600 Personen Anrecht auf die Zahlungen haben. Die meisten der noch lebenden Betroffenen sind weit über siebzig oder achtzig Jahre alt.

          „Viele sind bei schlechter Gesundheit, viele sind schon verstorben. Ihre Familien bekommen nichts, weil nur die Überlebenden selbst Anspruch auf die Entschädigung haben“, sagte Maisie Austin von der „Stolen Generations Aboriginal Corporation“ im Northern Territory, dem Sender ABC. Die Indigenen-Vertreterin sprach dennoch von einem „sehr emotionalen“ Tag, der einem langen Kampf ein Ende setze. „Viele von uns hätten nie gedacht, dass dieser Tag kommen würde.“

          Das Geld gehört zu einem Investitionspaket von einer Milliarde australischer Dollar, mit dem die Regierung stärker gegen die soziale Benachteiligung der indigenen Bevölkerung vorgehen will. Bis heute haben Aborigines geringere Bildungschancen und eine niedrigere Lebenserwartung als die übrige Bevölkerung. Vor einem Jahr hatte die Regierung in Canberra ein Programm zur Gleichstellung der Indigenen neu gestartet, nachdem bis dahin fast alle darin enthaltenen Ziele verfehlt worden waren.

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