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Gespräche in Afghanistan : Wie wollen die Taliban regieren?

Kontrollpunkt der Taliban am 22. August in Kabul Bild: EPA

Die Taliban-Führer sprechen seit Tagen mit ausgewählten Persönlichkeiten. Doch über das Regierungssystem gibt es bislang nur Andeutungen.

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          Eine Woche nachdem sie die bisherige Regierung zu Fall gebracht haben, gibt es von den Taliban weiter nur Andeutungen über das System, mit dem sie Afghanistan regieren wollen. „Bald“ werde man Einzelheiten verkünden, hieß es am Wochenende von der militanten Bewegung; in anderen Berichten war von „Wochen“ die Rede.

          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

          Taliban-Führer führen seit Tagen Gespräche mit ausgewählten Persönlichkeiten, zuvorderst mit dem früheren Präsidenten Hamid Karzai und dem früheren Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah. Bei einem Treffen habe man Ansichten über das künftige Regierungssystem ausgetauscht, sagte Muhammad Naeem, einer der Sprecher der Islamisten. Er zitierte einen ranghohen Taliban-Vertreter mit der Forderung nach einem „starken zentralen System, das die Rechtsstaatlichkeit respektiert, frei von Korruption ist und in dem jeder Bürger die Gelegenheit hat, seinem Land und seinem Volk zu dienen“.

          Übertragung an das Haqqani-Netzwerk

          Laut Angaben Abdullahs, in dessen Haus das Treffen am Samstag stattfand, waren auch Stammesvertreter und andere Repräsentanten zugegen. Auf Twitter schrieb er, man habe über „die gegenwärtigen Sicherheits- und politischen Entwicklungen sowie eine inklusive politische Lösung für die Zukunft des Landes“ gesprochen. Auch den von den Taliban eingesetzten Gouverneur Kabuls, Abdul Rahman Mansour, trafen Abdullah und Karzai. Sie hätten ihm gegenüber hervorgehoben, dass die Einwohner der Hauptstadt sich sicher fühlen müssten, wenn Normalität einkehren solle. Berichten zufolge hat die Taliban-Führung die Sicherung Kabuls dem Haqqani-Netzwerk übertragen. Die Gruppe gilt als extrem militant und steht Organisationen wie Al-Qaida nahe. Westliche Geheimdienstvertreter und Sicherheitsexperten zeigten sich alarmiert über die Entscheidung.

          Karzai und Abdullah haben sich nach der Flucht von Präsident Aschraf Ghani vor einer Woche zu Führern des Übergangsprozesses vonseiten der bisherigen Regierung erklärt. Unklar blieb am Sonntag, ob sie auch Mullah Abdul Ghani Baradar getroffen haben, den Leiter des politischen Büros der Taliban. Die faktische Nummer zwei der Islamisten war am Samstag von der südlichen Stadt Kandahar nach Kabul gereist, er soll dort vermutlich den Prozess der Regierungsbildung übersehen.

          Den Menschen geht das Bargeld aus

          Zugleich setzen die Taliban ihre Bemühungen fort, die Verwaltung in Kabul wieder in Gang zu bringen. In einer Erklärung vom Samstag versicherten sie Regierungsmitarbeitern, dass diese bis zur Errichtung einer neuen islamischen Regierung weiter vom Finanzministerium bezahlt würden. Auch Banken würden bald wieder öffnen, versprachen sie. Die Taliban sehen sich mit Forderungen von Bewohnern Kabuls konfrontiert, dass Ämter und Banken bald wieder öffnen. Vielen Menschen geht das Bargeld aus.

          In anderen Teilen des Landes stoßen die Islamisten unterdessen weiter auf militärischen Widerstand. Anti-Taliban-Kräfte hätten in der nördlichen Provinz Baghlan drei Distrikte zurückerobert, teilte der bisherige Verteidigungsminister Bismillah Mohammadi am Samstagabend mit. Mehr als ein Dutzend Taliban-Kämpfer seien getötet worden.

          Mohammadi hat sich mit Regierungstruppen im benachbarten Pandschir-Tal verschanzt. Das schwer zugängliche Tal war schon früher ein Rückzugsort von Taliban-Gegnern gewesen. Der bisherige Vizepräsident Amrullah Saleh und Ahmad Massoud, Sohn des berühmten Warlords Ahmad Schah Massoud, haben dort offenbar mehrere Tausend Soldaten und Kämpfer versammelt. Abdullah und Karzai trafen am Samstag Stammesälteste und andere Vertreter aus dem Pandschir-Tal; wie Abdullah auf Twitter schrieb, sprachen sie über „die gegenwärtigen Entwicklungen im Land und Wege, Frieden und Stabilität zu unterstützen“.

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