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Gespräch mit Andrei Pleşu : „Unseren Politikern fehlt die Reife“

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„Entweder sie lügen, oder sie gebärden sich als Opfer“: Andrei Pleşu ist wütend auf die herrschende Klasse Bild: Ex-Press

An diesem Sonntag entscheidet in Rumänien ein Referendum über die Absetzung des Präsidenten Traian Basescu statt. Der Intellektuelle Andrei Pleşu warnt im F.A.S.-Gespräch vor mächtigen Hochstaplern in seinem Heimatland und den Folgen der Staatskrise.

          An diesem Sonntag findet in Rumänien das Referendum über die Absetzung des Präsidenten Traian Basescu statt. Ist die Krise damit endlich ausgestanden?

          Nein, leider nicht. Wenn Basescu wieder in den Präsidentenpalast zurückkehrt, dann geht dieser hysterische politische Streit weiter, und das nützt weder der Bevölkerung noch der Wirtschaft. Für den Fall, dass Basescu nach dem Referendum nicht zurückkehren sollte, befürchte ich noch größere Probleme. Die Bevölkerung wird die negativen wirtschaftlichen Folgen dann bald zu spüren bekommen, Enttäuschung wird sich breitmachen, und die Regierung wird versuchen, die Schuld daran der Opposition in die Schuhe zu schieben. Dabei ist doch klar zu sehen, dass Rumänien seit den Bergarbeitermärschen der frühen neunziger Jahre bis vor wenigen Wochen international noch nie so schlecht dastand wie jetzt.

          Was meinen Sie?

          Egal, wie viele Fehler und Missgriffe Basescu unterliefen, so dramatische Reaktionen der europäischen Institutionen und führender europäischer Politiker hat es bisher noch nicht gegeben. Was mir aber noch größere Sorgen macht, ist diese undemokratische Atmosphäre. In einer Demokratie darf eine politische Auseinandersetzung nicht wie ein Krieg geführt werden. Das ist in Rumänien aber leider der Fall. Die beiden Lager bekämpfen einander mit allen Mitteln, und natürlich verfügen die, die jetzt die Regierung und das Parlament beherrschen, über mehr Mittel als die anderen. Das Schicksal des Landes ist diesen Leuten völlig gleichgültig.

          Vielleicht ist Basescu daran nicht ganz unschuldig.

          Man kann vieles gegen Traian Basescu sagen. Aber er wurde gewählt und seine letzte Amtsperiode endet ohnehin in eineinhalb Jahren. Es war völlig überflüssig, dieses Theaterstück um seine Amtsenthebung zu inszenieren und damit eine so unglaublich negative Atmosphäre zu schaffen.

          Die Regierung behauptet, dass die Opposition mit Verleumdungen und der Verbreitung falscher Informationen dem Ansehen des Landes im Ausland geschadet habe. Präsident Basescu, zwei frühere Ministerpräsidenten sowie zwölf weitere Politiker der Opposition wurden deshalb sogar bei der Generalstaatsanwältin angezeigt.

          Das ist doch lächerlich, und es ist auch beleidigend für die europäischen Politiker, die Institutionen und die internationalen Medien, wenn man ihnen sagt, dass sie so dumm sind und so wenig wissen, dass sie von ein paar Leuten in Bukarest, Buzau oder Ploiesti manipuliert werden könnten. Und es ist auch sehr gefährlich. Zum ersten Mal höre ich jetzt wieder einen Vorwurf, den ich seit den achtziger Jahren nicht mehr gehört habe, nämlich den Vorwurf der Verleumdung der Nation. Damals bekam ich ihn von der Securitate zu hören, weil ich mich mit ausländischen Diplomaten und Journalisten traf. Auch der Vorwurf der Unterminierung der Volkswirtschaft, der jetzt in der Strafanzeige gegen Basescu und die anderen erhoben wird, stammt aus dieser Zeit. Er kam zuletzt bei der Inszenierung des Schauprozesses gegen Nicolae Ceausescu zur Sprache.

          Wie werden Sie sich am Sonntag verhalten? Werden Sie Ihre Stimme abgeben?

          Ich habe mich entschlossen, nicht an dem Referendum teilzunehmen, aber nicht, weil ich verhindern möchte, dass die erforderliche Mindestbeteiligung von 50 Prozent erreicht wird. Wenn ich wählen müsste, würde ich sagen, dass ich mich vor den heute Regierenden, den Herren Ponta und Antonescu, wesentlich mehr fürchte als vor Basescu. Aber ich habe es satt, immer wieder nur das kleinere Übel wählen zu dürfen, wie wir das immer wieder gemacht haben. Ich würde gerne einmal positiv und affirmativ wählen und nicht zwischen einem Widder und zwei Hähnen oder einem Kraftlackel und zwei Hochstaplern. Es ist nicht recht, uns immer wieder vor solche Entscheidungen zu stellen.

          Die Zusammenarbeit zwischen einem Präsidenten und einer politisch anders gepolten Regierung ist immer schwierig. In der Regel aber wollen Regierungen dann ihre eigene Agenda durchsetzen, den Präsidenten ignorieren, die Konflikte aussitzen und auf die nächsten Wahlen warten. Was ist der Grund dafür, dass es in Rumänien ausschließlich um die Beseitigung des Präsidenten geht?

          Der Hass, der hysterische Drang nach Macht, die Eitelkeit, bei einigen vielleicht auch die Angst vor Strafverfolgung und natürlich auch eine ordentliche Portion Dummheit, was man nie vernachlässigen sollte. Allein schon die Sprache ist unerträglich, ich verabscheue auch diese Großkundgebungen, diese aggressiven Erklärungen, egal von welcher Seite. Dahinter verbirgt sich immer die Absicht, die Leute zu manipulieren. Ich bin froh, dass die Europäische Union scharf auf die Ereignisse in diesem Land reagiert hat, sie muss auf der Einhaltung der gemeinsamen Werte und Regeln bestehen. Leider haben unsere Politiker nicht die erforderliche Reife für einen vernunftgebundenen Dialog, entweder sie lügen, oder sie gebärden sich als Opfer.

          War das früher anders?

          Ich denke manchmal zurück an den jüdischen Philosophen und Historiker Gershom Scholem - der hatte die Angewohnheit, die Leute nicht zu fragen, wer sie sind oder woher sie kommen, sondern was sie können. Das ist eine sehr gute Frage. Für mich ist es unvorstellbar, dass ein Mann wie Crin Antonescu, der gegenwärtige Interimspräsident, im Alter von 52 Jahren keine einzige Leistung vorweisen kann. Ich würde ihn gerne fragen: Was kannst du? Basescu kann wenigstens ein Schiff steuern, das ist doch was. Aber was kann Antonescu, was kann Ponta? Die haben weder intellektuell noch moralisch noch politisch irgendetwas vorzuweisen. Ponta hat sogar seine Doktorarbeit abgeschrieben und schafft es nicht einmal, seinen Titel zurückzulegen und sich zu entschuldigen.

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