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Geschlechtertrennung in Jerusalem : Ohne Stimme und Gesicht

„Gegen Sitte und Anstand“: Ein verschmiertes Werbeplakat in der Innenstadt von Jerusalem Bild: dapd

Ultraorthodoxe Juden vor allem in Jerusalem wollen Frauen das Singen verbieten, und auch von Plakaten sollen sie verschwinden. Aber immer mehr Israelis wehren sich.

          5 Min.

          Die knapp 400 Liedblätter reichten nicht. „Blumen und Vögel sind geschützt, nur ich bin es nicht“, singen die Frauen auf der Straßenbahnbrücke am Stadteingang von Jerusalem. Auch einige Männer haben sich zu den etwa tausend Sängerinnen gesellt. Mit ihrem „musikalischen Protest“ zeigen die Frauen, dass sie sich von frommen Juden nicht den Mund verbieten lassen wollen. Der improvisierte Chor auf der Brücke klingt zwar nicht immer ganz harmonisch, aber das ist nicht der Grund, weshalb ultraorthodoxe Juden verhindern wollen, dass Frauen in der Öffentlichkeit singen. Die Strenggläubigen fürchten, dass ihre Stimmen Männer in Versuchung führen könnten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Wir hatten nicht erwartet, dass so viele Menschen kommen. Das lässt einen wieder Mut schöpfen“, sagt Anat Hoffman, die die Singaktion auf der neuen Harfenbrücke in Jerusalem mit organisiert hat; auch in Tel Aviv und Haifa gab es sie. Doch die temperamentvolle Frau ließ sich schon zuvor nicht einschüchtern. Seit Jahren kämpft sie mit dem von ihr geleiteten „Religiösen Aktionszentrum“ gegen die frommen Eiferer. Früher wollten diese Männer vor allem die Einhaltung der Schabbatruhe durchsetzen, aber seit einiger Zeit haben sie es besonders auf die Frauen abgesehen. Sie predigen „Sitte“ und „Anstand“ und hätten es am liebsten, wenn sich unverheiratete Männer und Frauen weder hörten noch sähen. So dürfen in einem ihrer Sender schon keine Sprecherinnen mehr ans Mikrofon. Und in Jerusalem schafften es die Ultraorthodoxen, dass in der Stadt sogar Bilder kleiner Mädchen von den Plakatwänden verschwanden.

          Überraschende Schützenhilfe von Reservegenerälen

          Immer mehr Israelis wollen sich das aber nicht mehr bieten lassen - besonders, seit der Streit auch die Armee erfasst hat: Religiöse Soldaten weigerten sich, bei offiziellen Feiern in ihren Einheiten Sängerinnen zuzuhören. Als Ende Oktober das Tora-Freudenfest gefeiert wurde, trennte auf einem Stützpunkt ein Sichtschutz die Männer von den 50 Meter entfernt tanzenden Frauen; traditionell tanzt man in Israel an diesem Feiertag mit den Torarollen im Arm. Gleichzeitig mehren sich die Forderungen aus dem religiösen Lager, Frauen das Kommando über Männer zu entziehen.

          Erste Erfolge für das „Religiöse Aktionszentrum“: Seit einigen Monaten weisen in den Bussen Schilder darauf hin, dass Frauen sich hinsetzen können, wo sie wollen
          Erste Erfolge für das „Religiöse Aktionszentrum“: Seit einigen Monaten weisen in den Bussen Schilder darauf hin, dass Frauen sich hinsetzen können, wo sie wollen : Bild: dapd

          Das ging nicht mehr nur Feministinnen zu weit. Sie erhielten überraschende Schützenhilfe: „Der gemeinsame Wehrdienst von Männern und Frauen ist ein Grundstein der israelischen Volksarmee“, schrieben 19 Reservegeneräle an Verteidigungsminister Barak und Generalstabschef Gantz. „Aus Sorge um die demokratischen Grundwerte der israelischen Gesellschaft“ verlangten sie in einem gemeinsamen Brief, den Frommen in der Armee Einhalt zu gebieten. Zuvor hatte Efraim Halevy, der frühere Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad, den wachsenden Einfluss einheimischer religiöser Extremisten als bedrohlicher bezeichnet als das iranische Atomwaffenprogramm.

          Kaum noch „strikt koschere“ Busse

          „Die Extremisten werden immer extremer und ziehen sich immer mehr in ihren Bunker zurück. Aber unser Lager besteht eben längst nicht mehr nur aus Feministinnen oder lesbischen Frauen“, freut sich Anat Hoffman. Sie war im vorletzten Sommer auch außerhalb Israels bekannt geworden. Damals trug sie eine Torarolle an die Klagemauer in Jerusalem, um dort gemeinsam mit anderen Frauen zu beten. Das ist jedoch an dem heiligen Ort nur Männern erlaubt. Ihr droht deshalb nun bis zu ein Jahr Haft.

          Vor dem Obersten Gericht trug ihr „Religiöses Aktionszentrum“, das der Bewegung der progressiven Juden angehört, zu Beginn dieses Jahres einen Sieg davon. Die Richter urteilten im Januar, dass öffentliche Verkehrsbetriebe Frauen nicht vorschreiben dürfen, wo sie sitzen müssen. Bis zu Jahresanfang gab es in Israel rund 60 „Mehadrin“-Busse, die vor allem ultraorthodoxe Juden benutzen. Das sind „strikt koschere“ Busse, in denen Männer vorne und Frauen hinten sitzen. Heute weisen Schilder darauf hin, dass Frauen sich hinsetzen können, wo sie wollen. Setzt der Busfahrer ihr Recht nicht gegen protestierende religiöse Fahrgäste durch, droht ihm eine Geldstrafe. Anat Hoffman zeigte erst vor wenigen Tagen wieder einen Fahrer an. Er schritt nicht ein, als wütende Männer an ihrem Sitz im vorderen Teil des Busses rüttelten und verlangten, dass sie weiter hinten Platz nimmt. „Das sind aber nur noch Ausnahmen. Es wird immer schwieriger, Busse mit Geschlechtertrennung zu finden“, berichtet die Frauenrechtlerin.

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